Appell an die Händler

  • Liebe Händler,


    nun mal ein offener Appell an Euch/Sie. Es geht um das Thema "Einstiegsgeräte". Viele von Euch/Ihnen bieten solche Geräte ja an und das ist ja auch gut so. Ob es der klassischen 4 1/2"er Newton ist oder die 80er/90er 100er Refraktoren. Und die sollen ja auch erschwinglich sein. Alles schön und gut.



    Leider ist es aber so, das diese sicher garnicht schlechten Optiken dann auf Mechaniken "geparkt" werden, die schlicht unterdimensioniert sind und bei jeder Berührung zittern wie Esbenlaub. Somit lange nachschwingen und ein zitterndes Bild im Okular zu Konsequenz haben. Damit ist gutes Beobachten dann - gelinde gesagt - schwierig. Häufig fast unmöglich.



    Mal als Beispiel dient so ein 112/900er Newton auf einer Minimontierung ("EQ-xyz"), die ihrerseits auf einem Stativ angebracht ist (meist dünnes Alu), dessen Beine man mit Daumen und Zeigefinger zusammendrücken kann. Wie das dann beim Fokussieren "wirkt", kann man sich an den eigenen zehn Fingern abzählen: Wackeln und Zittern. Gerade die Stative sind häufigst die Ursachen hierfür.
    Das so etwas eher weniger Freude und Spass bringt und sicher viele - gerade Einsteiger - nicht wirklich zum Weitermachen motiviert, dürfte doch wohl auf der Hand liegen. Und das kann ja nicht gewollt sein, wenn man es denn mit der Verbreitung unseres schönen Hobbys erst nehmen möchte.


    Wie man aber aus einem Zitterteleskop allein schon via Stativverbesserung ein richtig gut nutzbares Gerät machen kann, habe ich neulich selbst anhand eines ca. 35-Jahre alten "Kaufhausteleskopes" der Marke Tasco erfahren können ... wen es interessiert; siehe hier: http://www.amateurastronomie.c…ter/Tasco112900/index.htm



    Ich kenne Eure/Ihre betriebswirtschaftlichen Rechnereien ja nicht und wie die Verbindungen zu den Produzenten gelagert sind: aber tut den Einsteigern einen Gefallen und stattet diese Geräte mit stabilerer Mechanik aus. Ich denke, die meisten würden auch 20 oder 30€ mehr zahlen, wenn denn da dann ein gut zu bedienendes, weil nicht bei jeder noch so kleinen Berührung zitterndes Teleskop zur Vefügung steht. Die meisten von Euch/Ihnen sind doch selbst aktiv und sollten es wissen.


    Es wäre schön, wenn sich hier etwas bewegen würde - in Richtung zu mehr Stabilität. Das würden sicher auch die allermeisten Kunden (ggf. Neukunden) zu schätzen wissen.


    Schöne Grüße Hannes Hase-Bergen

  • Da muss ich dir leider recht geben. Ich selber bin seit Monaten auf der Suche nach einem Einsteigergerät, habe mir aber noch nichts gekauft (aus verschiedensten Gründen, die dazwischen gekommen sind).
    Trotzdem kann ich die Händler verstehen.
    Nur die wenigsten Einsteiger wollen oder können sich dann direkt das nächste Größere holen. Man will erstmal mit dem Geld, anfangen und gucken. Wenn man dabei bleibt, wird es dann schnell teuer, wenn ein Update ansteht. Keine Frage. Sollte es sich aber im Sand verlaufen, hat man nicht viel Geld ausgegeben und es ärgert einen nicht so. Und genau darauf zielen wohl die Händler meistens ab, mit ihren Paketen. Für den Anfänger sieht das alles toll aus, und man kauft es.
    Meine Erfahrung ist aber, wenn man den Händler anschreibt und sich beraten lässt, kommen andere Pakete heraus, die qualitativ besser sind, aber auch teurer. Aus betriebswirtschaflicher Sicht sind diese „Einsteiger“ Pakete aber schon logisch.
    Ich verkaufe etwas und mache eventuell nur etwas Gewinn, mit dem Lockangebot. Das hat man mittlerweile Überall. Das geht bei Grill los und hört dann bei Kameras etc. auf. Der Händler hat ein Bein schon mal beim Kunden drin, der dann hoffentlich noch etwas dazu kauft. Wer billig kauft, kauft zweimal, sagte meine Oma.
    Der Markt gibt das her.
    Wenn ich Software Entwickle, kaufen die Kunden meistens auch nicht das rundum Sorglospaket, sondern erstmal die Basisversion. Im Laufe der Zeit wollen/brauchen diese dann noch erweiterte Funktionen, die sie dann teuer zukaufen. Am Ende haben diese dann in der Regle mehr bezahlt, als hätten sie die Vollversion direkt geordert, wie empfohlen.
    Der Kunde freut sich, am Anfang nur wenig Geld ausgegeben zu haben, und wir/der Händler freut sich, später mehr zu verdienen.


    Ich mache denen keinen Vorwurf.
    Trotzdem halte ich so. Wenn ich schon viel Geld ausgeben (200 Euro sind auch schon viel Geld), dann informiere ich mich vorher ausgiebig und erhalte dann, dank Foren wie dieses, einen Einblick, ob es etwas taugt oder nicht. Wer nicht fragt bleibt dumm nd ärgert sich nachher.

  • Die Sache hat immer zwei Seiten.
    Klar wünscht man sich, dass kein "Schrott" angeboten wird. Auf der anderen Seite gibt es umfangreiche Verbraucherrechte. Gerade im Onlinehandel kann man per Widerruf den "Schrott" auch einfach zurück geben. Niemand wird schließlich dazu gezwungen das "Zeugs" zu kaufen.
    Das solche Sachen überhaupt angeboten werden, ist doch eine Frage des Kaufverhaltens. Die, die am wenigsten Ahnung von der Sache haben, überschätzen ihre Fähigkeiten und konzentrieren sich - im Grunde völlig nachvollziebar - am Preis und nur daran. Und da gilt dann die Regel: Man kriegt, was man bezahlt.


    Was kann man dagegen tun?
    Einen Marktcheck einführen mit möglichst großer Reichweite (um die "Ahnungslosen" auch zu erreichen), der unmissverständlich den "Schrott" als solchen entlarvt. Letztlich ein Hase und Igel Rennen, denn dann heißt die EQ-Wackeldackel alle 4 Wochen anders und hat 'ne neue Farbe bzw. Plastikverkleidung.
    Oder
    einen Pool an Wackeldackel-Schrott per Round-Robin an Interessierte verleihen, damit sie vorab die Möglichkeiten haben Ihre Kaufkriterien zu trainieren. Aber dafür gibt es ja schon das Rücktrittsrecht. Vielleicht muss man einfach JEDEM noch mal zu erklären, dass er endlich davon Gebrauch macht. Das zeigt mir, dass das ausgegebene Geld anscheinend doch verschmerzbar als Verlust abgeschrieben wird und somit genau diese Schmerzgrenze das Budget bestimmt.


    Der "Schrott" würde nicht so erfolgreich verkauft werden, wenn die Kunden "in den Laden" gehen würden und dort die Ware in die Hand nehmen könnten ... und das im direkten Vergleich mit anderen Geräten. Insoweit kann ich jedem Einsteiger nur empfehlen: Fahr hin oder gehe auf eine Astro-Messe und schaue dich vorab um. Allerdings scheint mir das "Einkaufserlebnis", wenn man tagelang um ein bestimmtes Produkt im Laden herumschleicht, abwägt, extra dafür spart, inzwischen Geschichte zu sein.


    PS:
    Übrigens ein Thema, das nicht auf Astro-Artikel beschränkt ist. Es gibt ganze Ladenketten, die m.E. nur Plastikmüll anbieten ... sog. 1-Euro-Shops, aber auch ganze Regalreihen in Bau- und Elektromärkten oder Supermärkten. Und es gibt keine Branche, die nicht mit "Schrott-Zubehör" zugemüllt wird.


    PPS: Ein Unsitte ist z.B. das feste Einbauen von Akkus in alle Arten von Elektroartikeln. Mein uralter Sony-Walkmann lief seinerzeit mit AA-Zellen, die man, wenn sie ihren Geist aufgaben gegen andere tauschen konnte. Wenn heute der Akku im Handy anfängt altersbedingt sich aufzublähen erzeugt er erst mal eine Spider-App auf der Rückseite.

  • Hallo "dev_null",


    Einsteigersets zu günstigen Preisen wären soweit ja in Ordnung.


    Aber wenn schon dann doch bitte mit korrekter und ehrlicher Bewerbung. Bei der auf die Nachteile der Optik und/oder der "Montierung" hingewiesen wird.


    Wenn Händler aber eine EQ-1 oder EQ-2 mit dem deutlich zu großen Tubus oben drauf als "stabile Montierung" bewerben, ist das in meinen Augen schlichtweg Betrug für den unbedarften und unwissenden Einsteiger.


    Und das sollten die Händler anders handhaben. Wobei der Apell von Hannes wohl diese so werbenden Händler in keiner Weise interessiert, denen geht es mit der Art ihrer Werbung nur um den Umsatz. [}:)][V]


    Gruß Stefan

  • Ich glaube, dass die Wackelmontierung fast so alt ist wie das Teleskop selbst. Der Trend, Instrumente "unterzumontieren", ist ja bei Weitem nicht neu. Der 114/900er auf der "Kaufhausmontierung" (deren Nachbau heute EQ2 heisst) ist auch nur ein Beispiel. Wobei es ja inzwischen geschafft wurde, dieses Instrument durch eine EQ1 noch weiter abzuwerten ... ich habe einige Klassiker von den 1960ern bis in die 1980er, wo der Begriff "Montierung" blanker Hohn ist. Auch schon damals war nicht alles Gold, was glaenzt.


    Leider werden manchmal gute Konzepte verschlimmbessert. Sei es das Lidl-Teleskop, das es hier in England mal auf einer durchaus brauchbaren Montierung mit brauchbarem Sucher und brauchbaren Okularen fuer 50 Pfund gab. Heute kostet es 80 Pfund, die "Montierung" ist statischer Nonsens (meine Katze haette es besser hinbekommen), die Okulare Huygens und der Sucher ein unsaeglicher 5x24-Chromat. Bei Aldi hatte ich das Selbe erlebt: Da gab es mal einen richtig guten 76/700er auf EQ2, der durchaus stabil war. Ein Jahr spaeter wurde die EQ2 durch eine "EQ7" ersetzt. "EQ7" hiess hier ein schlechter Nachbau einer EQ1, bei der dem "Konstrukteur" die Funktion eines Federdruckbolzens im Deklinationsfeintrieb fremd war. Da war keine Feder drin, sondern das Teil war massiv und natuerlich ging der Trieb nicht.




    <blockquote id="quote"><font size="1" face="Verdana, Arial, Helvetica" id="quote">Zitat:<hr height="1" noshade id="quote">Der "Schrott" würde nicht so erfolgreich verkauft werden, wenn die Kunden "in den Laden" gehen würden und dort die Ware in die Hand nehmen könnten ... und das im direkten Vergleich mit anderen Geräten.<hr height="1" noshade id="quote"></blockquote id="quote"></font id="quote">


    Das ist beileibe die bessere Loesung. Aber es klappt nicht immer. Eine Bekannte von mir wollte mal Ende der 1990er in einem bekannten Bonner Astronomie-Fachgeschaeft ein Vixen 130/720er auf GP-E kaufen. Mit festem Entschluss, dass es dieses Geraet werden solle, hat sie den bekannten "Wackeltest" ausfuehren wollen. Sofort kam eine Dame angesprungen, nein nein, dieses Teleskop ja nicht beruehren! Auch die Absicht, es doch kaufen zu wollen, half nicht weiter. Als naechstes wollte die Dame meiner Bekannten einen 80/1200er Refraktor aufschwatzen, weil das doch fuer einen Anfaenger das bessere Geraet sei ... sie ist dann aus dem Laden raus, in der Innenstadt in ein Optikergeschaeft rein und dort hat sie dann sogar den groesseren 150/750er fuer den Preis des 130ers bekommen. Und ja, sie ist heute noch gluecklich damit. Von daher meine Botschaft an die Haendler: Nehmt Eure Kunden fuer voll und lasst sie auch mal was anfassen! Sonst koennten sie gleich im Internet bestellen.


    Und ansonsten (wieder an die Haendler gerichtet): Die Kunden richtig beraten! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich bei meinen Beratungen (als Nicht-Haendler) durchaus darauf hinweisen kann, dass ein vernuenftiges Einstiegsteleskop mehr kostet, aber das Geld wert ist. Ich belege dann auch warum: Brauchbare Montierung, erweiterungsfaehig. Brauchbare Okulargrundausstattung. Brauchbare Optik (z.B. Parabolspiegel), brauchbarer Sucher, grosser Metallokularauszug, der auch spaeter vignettierungsfreie Fotografie zulaesst und so weiter. In der Regel verstehen das die Einsteiger dann auch und sparen lieber etwas laenger. Und da sind die heutigen Zeiten sogar besser als die Alten, da man durchaus fuer "etwas mehr Geld", aber keine Unsummen, ein gescheites Einsteigerpaket bekommen kann.

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