Hallo,
ich denke, es ist schon viel gesagt und wir sind uns auch wohl alle einig.
Ich würde aber gerne nochmal einen großen Schritt zurückgehen und zwar bis zur Erfindung der Fotografie. "Wie geil war das denn?" Plötzlich brauchte man keinen Maler mehr, um ein Porträt zu erstellen oder sein Haus abzubilden. Ein Knopfdruck (und ein bisschen Drumherum) und alles war da und zwar nicht subjektiv (durch die Augen eines Malers), sondern genau so, wie es wirklich war. Der Siegeszug der Fotografie war nicht aufzuhalten, und zwar gerade wegen dieser ihr innewohnenden Realitätsabbildung. Ein Foto war ein Dokument! Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Passbilder, die zeigen, wie wir "wirklich" aussehen, sind eine direkte Folge davon, genauso wie der Bildjournalismus (so sieht es wirklich in xy aus), genauso wie Blitzerfotos (du warst an diesem Tag zu diesem Zeitpunkt genau da) oder auch Fotografie als Nachweis von etwas im wissenschaftlichen Sinne. Ja, ein Pferd berührt im Galopp für kurze Zeit mit keinem Huf den Boden, das konnte dokumentiert werden mithilfe der Fotografie. Und weil der Fotografie diese Echtheit zugesprochen wurde, hat die Werbung sie entdeckt und für sich genutzt.
Wir hier mit unseren Astrofotos stehen (oder standen) auf der wissenschaftlichen/dokumentarischen Seite. Das Teleskop vergrößert unsere Augen und was wir dann sehen könnten, wenn wir die Zeit aufaddieren könnten, ist unser Astrofoto. Das ist aber nicht die Galaxie, das ist nur ein Bild der Galaxie in Abhängigkeit von verschiedenen Faktoren. Hört sich trivial an, aber wir gehen automatisch davon aus (siehe Passbild), dass Wirklichkeit (muss auch erst einmal definiert werden) und Foto irgendwie schon übereinstimmen.
Mit der Erfindung der Digitalfotografie wurde der Fotografie als Dokument schon ein herber Schlag versetzt. Zu einfach konnte man Inhalte manipulieren. Jetzt, mit der generativen "Fotografie", ist der Damm gebrochen. Jetzt glaube ich nicht einmal mehr einem Katzenvideo, kann ja alles gefaked sein. Viele Bilder in normalen Beiträgen werden heute generiert, das ist preiswert und trifft den Inhalt gut, so gut ich es eben will. Das alles führt dazu, dass die Glaubwürdigkeit der Bilder gegen "0" geht. Die Fotografie im klassischen Sinne, als Dokument, ist bereits Vergangenheit.
Wir hier leben noch den alten Traum und halten hoch, was noch zu retten ist. Wir zeigen mit dem Finger auf die "Bösen", die "unechte Bilder" machen. Wir wissen aber auch, dass Werbung "unechte Bilder" zeigt, und sie funktioniert anscheinend doch, und wir heulen trotzdem bei Filmen, obwohl wir wissen, dass das Schauspieler sind.
Die Grenze zum Dokument ist fließend und fängt tatsächlich auch schon mit einem Weißabgleich an. Wer will schon matschig-braune Marsbilder sehen? Das wäre die "Wirklichkeit" nach unserem irdischen Verständnis, aber wir machen einen "marsianischen" Weißabgleich, weil das unserer Vorstellung einfach mehr entspricht. Alles, was danach kommt, mit klein- und rundgerechneten Sternen, ein paar etwas helleren Pixeln, die zu einem weichen, zarten Nebel werden etc. – das alles verliert an Glaubwürdigkeit, weil die Fotografie um uns herum an Glaubwürdigkeit verloren hat.
Hinzu kommt, dass wir in einer unglaublich visuellen Welt leben. Die Qualität eines Urlaubs misst sich oft an der Qualität der entstandenen Bilder. Eine Hochzeit wird in Bildern geplant, weil man ja auch nur (bis auf wenige Ausnahmen) Bilder von Hochzeiten gesehen hat. (incl. Hollywood-Filme). Der Wunsch nach einem Smartteleskop ist der Wunsch nach Bildern! Und hier schließt sich der Kreis in der Astrofotografie. Hier können oder wollen viele nicht mehr Fotografie als Dokument sehen, nach dem Motto "Ach, ist ja interessant, diese Galaxie hat da noch ein Ärmchen", sondern es geht darum: "Ach, so eine geile Galaxie will ich auch haben.“
Für mich (als ehemaligen Bildjournalisten) ist das Kapitel zu Ende, beruflich und auch astronomisch. Ich schau ein bisschen wehmütig zurück, 20 Jahre lang praktisch täglich APOD geschaut oder hier die Deep-Sky-Bildergalerie. Jetzt -- und ich mache niemandem einen Vorwurf, obwohl sich sicher manche angegriffen fühlen -- es interessiert mich nicht mehr. Astrofotografie betreibe ich trotzdem noch (besser wieder), quasi nostalgisch, als Dokument.
VG ralf