Schoener Thread ... na dann wollen wir mal. Wo fange ich an?
Den Dierke mit den Sternkarten kannte ich natuerlich auch. Mein Astrointeresse war irgendwie latent da, aber so richtig verfestigte es sich im Alter von 10-12 Jahren. Mein erstes Fernrohr war von der Kinderzeitschrift "Yps mit Gimmick". Ich sah einen Stern dadurch. Hm. Nur ein Punkt. Das musste natuerlich am Staub auf der Linse liegen. Die Plastiklinse wurde daraufhin am Waschbecken mit einer harten Buerste maltraetiert. Erste Erfahrungen in Optikbearbeitung. Das Teleskop war danach ein Abschreibungsobjekt.
Naechstes Teleskop war um 1980 ein 40x40-Einlinser fuer 30 Mark aus der Spielzeugabteilung von Quelle. Das Ding war magisch, und die Glaslinse behandelte ich mit hohem Respekt. Ich sah den Mond, und ich liess mir von einem Augenoptiker ein 40mm grosses Mondfilter machen. Objektivmondfilter! Und ich guckte mir immer den Vollmond an, bis ich dann mal den Halbmond entdeckte - Krater! Ich sah mit dem Teleskop die Mondfinsternis vom 9. Januar 1982. Dann schon auf Papas Fotostativ, bevor ich mir selbst eins kaufte. Das silberne Rohr hatte zwei Auszuege (wie ein Piratenfernrohr) und das Okular war fest. Luft anhalten, unters Rohr, scharfstellen, dabei das Objekt im Gesichtsfeld halten, nach 20-30 Sekunden wieder hoch und, PUH!, Luft holen. Ich sah Jupiter mit seinen Monden und die Plejaden.
Ich wohnte an einer belebten Strassenkreuzung in der Mitte unserer Stadt. Einmal war ich im Winter abends bei einem "Bratwurstessen" im Kanuclub, wo wir Mitglied waren. Draussen hatte es geschneit, und nun war es klar. Ich sah richtig viele Sterne, unter Anderem drei in einer Reihe mit was Nebligem darunter. Ich fragte meine Vater, was das sei. Er vermutete "Ich glaube, es ist der Skorpion!". Ich war begeistert, was mein Vater so wusste und ich beschloss, mich da reinzulesen. Sehr schnell kapierte ich, dass sich mein Vater locker um 180 Grad vertan hatte. Der Skorpion steht ja genau auf der anderen Seite des Himmels, und es gibt in der griechischen Mythologie ja auch eine Geschichte dazu. Die Goetter haben Orion und Skorpion so weit auseinandergebracht, damit sie sich niemals treffen. Denn der Skorpion hatte Orion gestochen und Orion sinnt auf Rache ...
Ich dachte damals, ich haette das groesste Teleskop in der Stadt. Bis unser Religionslehrer einmal vom Stern von Betlehem und von Planetenkonjunktionen sprach. Der Pfarrer lud mich zu sich nach Hause ein und dann wusste ich wo der Hammer haengt. Er hatte nicht nur zwei richtig grosse Teleskope, sondern auch eine Sternwarte drumherum! Als ich dann noch herausfand, dass man richtige Astroteleskope kaufen konnte, war es um mich geschehen. Mit dem Pfarrer verband mich eine lebenslange Freundschaft - leider ist er vor anderthalb Jahren verstorben.
Ein anderer Sternfreund lud mich in seine Sternwarte ein, wo ich das erste Mal durch "richtige Astroteleskope" durchschauen konnte. Eine andere Freundschaft.
1983 kaufte ich einen gebrauchten 50/600er BOB-Refraktor beim Augenoptiker - damals eine Standardquelle fuer Astroausruestung. Ich sah die Phasen der Venus, und Saturn!
1984 folgte ein 60/700er Refraktor auf Tasco 10K-Montierung (die Montierung trug urspruenglich einen 80/1200er Refraktor). Die Montierung trug den Refraktor sehr gut. Es war der Pfarrer, der an dieser Stelle mein Leben signifikant beeinflusste: Er schenkte mir eine alte Exa VX500, und so kam die Astrofotografie in mein Leben!
Ich lerne zwei gleichaltrige Freunde kennen, wir beobachteten zusammen und bauten unsere Montierungen. "Jugend forscht" trat in unser Leben, ich baute ein Membranspiegelteleskop, das nie funktionierte. Spaeter schliff ich dann Spiegel. Mit den Freunden ging es zur Uni, um Physik/Astronomie zu studieren. Die Freunde sind dann in die theoretische Teilchenphysik abgedriftet, aber auch sie hat die Urania nie wieder losgelassen.
Und die astronomische Instrumentenentwicklung liess mich bis heute nicht los. Inzwischen arbeite ich in England als promovierter Astronom in der Instrumentenentwicklung. Aber die Amateurastronomie schlief dabei nie ein. Und so baue ich gerade wieder an einer groesseren Sternwarte.
Nachtrag:
Eine Erkenntis habe ich gewonnen: Ich hatte als Jugendlicher nie Geld, ein dickes Teleskop zu kaufen. Ich kannte jemanden, der mit 17 bereits eine eigene Sternwarte hatte, mit fettem C8 auf Astronom II ... das ging bei mir nicht. Ich fing deshalb an, zu basteln. Da waren diese Membranspiegel, die nicht funktionierten. Aber ich lerne in diesem Projekt extrem viel, von Handwerklichem (Bohren, Gewinde schnippeln, Optik testen) ueber Fundraising (Bettelbriefe an Unternehmen fuer die Einzelteile oder kostenloses Verspiegeln von Kunststoffscheiben, oder Mylarfolie von Baader) bis zum Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit. Bei "Jugend forscht" kam ich nicht weit (flog im Landeswettbewerb raus - es funktionierte halt nicht wirklich), aber ich habe sehr viel gelernt. Meine Freunde schafften es mit Sternspektroskopie uebrigens in den Bundeswettbewerb ...
Im Nachhinein betrachtet, ist aus der Schwaeche, nie grosse Mittel fuer Teleskope gehabt zu haben, eine Staerke geworden. Und viele Dinge, die ich mir damals beigebracht habe, nutze ich noch heute.
Amateurastronomisch habe ich hier in England die Reputation eines Teleskopdoktors (im medizinischen Sinne). Ich bekomme oft kaputte Teleskope angeliefert, die aufgegeben wurden. Dank Drehbank kann ich so manche gebrochene Montierung wieder richten, oder Fehlkonstruktionen verbessern ("Jurgenising", wie jemand mal scherzhaft sagte). Haette ich damals von meinen Eltern ein dickes Teleksop bekommen, haette ich diese Faehigkeiten nie lernen muessen.
Heute sind Teleskope ja deutlich billiger als noch vor zwanzig Jahren. Aber dennoch - man muss kein Kroesos sein, um Astronomie zu betreiben. Und gerade beim Teleskopselbstbau ist ja auch der Weg das Ziel.