Präzession und Saros-Zyklus

  • Hallo,


    ich schreibe eine Abhandlung über Astronomie in Babylon und würde gerne wissen, ob folgende Erklärung technisch richtig ist, da ich noch nicht so viel weiss. Ich lerne quasi erst durch das Machen:


    Sehr genau 18 Jahre dauert der Saros-Zyklus, das ist das Zeitintervall in dem sich die Sonnenfinsterenisse örtlich und zeitlich wiederholen. Wer es kannte, konnte Sonnenfinsternisse vorhersagen und sie dem Volk als "Magisches Zeichen der Herrschafft" verkaufen. Viellkeicht wollten sich aber die Priester auch blos vor der "Macht des Herrn Gottes" wappnen. Auf jeden Fall stecken in 1° Präzesion von 72 Jahren 4 Saroszyklen von jeweils 18 Jahren mit jeweils etwa 71 Finsternissen! Zur Bestimmung wann und wo die nächste Finsternis stattfindet, sollte man Saros- und Präzessionszyklus kennen, da sich durch letzteren das Sternzeichen in dem im Frühling die Sonne auf geht, scheinbar um 1° in 72 Jahren verschiebt und sich damit ein Bezugspunkt für die Messung und Vorhersage von Finsternissen ändert.


    Tja, habe ich da was falsch verstanden? Oder habe ich Saros und die Präzession und ihren Zusammenhang (falls es den gibt) richtig erklärt?


    Grüsse,
    Folki

  • Hi!


    Kein Problem, ich versuche mal ein wenig zu helfen.


    Die *Periodenlänge* (das ist nicht identisch mit der Zeitdauer!) des Saroszyklus (übrigens, meines Wissens ist der Name an sich schon ein 'Fehlgriff' Edmund Halleys, da er das babylonische "sar" als Namen auserkoren hatte, was aber garnicht "18" bedeutet) ist tatsächlich 18.03 Jahre.


    In Wahrheit laufen allerdings zu jedem Zeitpunkt etwa 38 solcher Zyklen gleichzeitig ab, von denen jeder einzelne etwa 71 Finsternisse umfasst und etwa 1270 Jahre lange dauert. Die einzelnen Finsternisse eines Zyklus verteilen sich also auf 1270, nicht auf 18 Jahre.


    Allerdings ist es nun doch nicht so dass sich die Finsternisse nach der Periodenlänge am gleichen Ort auf der Erdoberfläche exakt wiederholen, denn die Erdrotation dreht ja die Erde unter der Finsternislinie sozusagen weiter. Daher liegt findet z.B. die Finsternis vom 21.08.2017, also diejenige ~18 Jahre nach "unserer" von 1999, nicht wieder in Mitteleuropa, sondern in Nordamerika, statt!


    Die Präzession der Erdachse, durch die gravitativen Einflüsse hauptsächlich von Sonne und Mond, ist natürlich einer der augenscheinlichsten Effekte, die man kennen muss um überhaupt die Örter von Himmelskörpern (und damit auch die Finsternisse) exakt vorherzusagen. Diese war den Babyloniern bekannt, meines Wissens ist es aber nicht sicher ob sie diese Kenntnis selbst erlangten oder aus noch älteren Kulturen übernahmen.


    Die Dynamik der beteiligten Körper im Sonnensystem ist aber im Detail, wenn man an höchster Präzision interessiert ist, sehr sehr kompliziert, und es gibt viele Störfaktoren.


    Als Beispiel sei hier nur genannt dass nach dem Abschmelzen der Eiszeitgletscher Skandinavien druckentlastet wird und sich um ~cm/Jahr über den Meeresspiegel erhebt. Foglich tritt der gleiche Effekt wie bei der Pirouette mit angezogenen Armen ein, die Erdrotation wird ein wenig schneller (edit: eigentlich wird sie aufgrund dieser kleinen zusätzlichen Beschleunigung nur weniger stark abgebremst als man aufgrund der Gezeitenreibung errechnen würde...), die Finsternislinien und Zeiten verschieben sich...


    Das und viele andere Dinge kann man selbst heute, mit Möglichkeiten die weit, weit jenseits derjenigen der Babylonier stehen, nicht beliebig genau modellieren, so dass es schwer ist, Finsternisse viele Jahrtausende in die Zukunft exakt vorherzusagen.


    Für kürzere Zeiträume, die für eine Gesellschaft relevant sind, stimmt der Zyklus allerdings erstaunlich gut, und das war vermutlich das was für die frühen Kulturen das relevanteste war.


    Zusätzlich hatten die Babylonier ja auch kein physikalisch vollständiges Modell des Sonnensystems, sondern lediglich die phänomenologische Beobachtung dass es Regelmässigkeiten in den Finsternisabläufen gab.


    Umso beeindruckender, finde ich, ist es, dass sie es dennoch schaffen konnten, richtige Vorhersagen zu machen.


    Hoffe das hilft schonmal ein wenig weiter, sonst gerne nachfragen ;)


    Viele Grüsse,
    Dominik

  • Hi Dominik,


    das was ja eine profesionelle Antwort! Jetzt habe ich noch eine Frage: kann ich überhaupt etwas mit den 18 Jahren im Bezug auf Saros anfangen? Oder gibts noch andere Zyklen die 18 Jahre dauern? Ich muss irgendwie die 4 x 18 in der 72 erklären.


    Haben die Babylonier irgendwas mit der 18 anfangen können (oder) haben sie 1270 Jahre gezählt und das sogar von mehreren sich überlagernden Zyklen? Wenn ich 1270 durch 71 teile, kommt knapp 18 bei raus. Hat das was zu sagen?


    Habe ich die Präzession mit "da sich durch die Präzession das Sternzeichen in dem im Frühling die Sonne auf geht, scheinbar um 1° in 72 Jahren verschiebt" richtig erklärt?


    Das mit den alten Kulturen ist schon spannend. Es gehört zwar nicht hierher aber irgendwie drängt sich mir der Gedanke auf dass es sich evtl um Wissen aus Atlantis handeln könnte. :-|


    grüsserl,
    Folki

  • Hi Folki,


    nun, ~18 Jahre *ist* ja die Periodendauer des Saroszyklus, d.h. nach 18 Jahren bekommt man wieder eine Finsternis mit "ähnlicher" Finsternislinie, allerdings wie oben geschrieben an einem generell erstmal anderen Ort auf der Erdoberfläche. Die 18 Jahre sind also tatsächlich für den Zyklus eine fundamentale Grösse. Diese haben auch die Babylonier beobachtet. Die 1270 Jahre die ein solcher Zyklus (mit zwischendrin den ganzen 18 - jahres - Perioden) insgesamt dauert, die waren ziemlich sicher einfach zu langfristig als dass sie wirklich aufgefallen wären.


    Die 18.03 Jahre sind übrigens eigentlich die Umlaufperiode der Schnittpunkte (Knoten) der Mondbahn mit der Ekliptik (scheinbare Sonnenbahn!).


    Ich muss aber dringend davon abraten, zu versuchen aus den 72 Jahren und den 18 Jahren etwas zu konstruieren, denn die 72 Jahre erhältst Du ja nur da Du den vollen Umkreis der Präzession in 360° einteilst und dann willkürlich verlangst dass die Erdachse ein Grad weiter "präzediert" sein soll! Diese Gradeinteilung des Kreises in 360° stammt aber erst von Hypsikles von Alexandria, aus dem Jahre 170 v. Chr. Das war zuallermindest schon in der Abenddämmerung der babylonischen Hochkultur. Die babylonischen Astronomen verwendeten das Grad also noch garnicht!


    Weiterhin besteht auch grundlegend kein physikalischer Zusammenhang zwischen den 72 Jahren und der Sarosperiode.


    Viele Grüsse,
    DK

  • "Habe ich die Präzession mit "da sich durch die Präzession das Sternzeichen in dem im Frühling die Sonne auf geht, scheinbar um 1° in 72 Jahren verschiebt" richtig erklärt?"


    --> Wesentlich besser wäre "das Sternbild in welchem die Sonne zum exakten Zeitpunkt des Frühlingsbeginnes steht scheinbar ... verschiebt"



    "Das mit den alten Kulturen ist schon spannend. Es gehört zwar nicht hierher aber irgendwie drängt sich mir der Gedanke auf dass es sich evtl um Wissen aus Atlantis handeln könnte. :-|"


    --> Spannend ist das alles, keine Frage. Wenn es aber einen wahren Kern in der Atlantis-Legende geben sollte (was meiner Meinung nach garnicht garantiert ist) dann war das vermutlich am allerehesten eine Kultur auf einer der Mittelmeerinseln, vielleicht sogar *jünger* als die Babylonier, und ganz ganz sicher *keine* Superzivilisation mit Wissen das über das der anderen Kulturen weit hinausging! Sowas wäre eher Esoterik, und wie man sieht ist doch die reale Geschichte der Astronomie eigentlich spannend genug, oder?
    [:)]

  • > das Sternbild in welchem die Sonne zum exakten Zeitpunkt des Frühlingsbeginnes steht


    Steht die Sonne im April nicht immer im Widder? Andrenfalls wäre die ganze Jahresastrologie für Semmel. :)


    Die Babylonier hatten ein System das den Hebräern als 1080 "Halakim" bekannt war. Das sind 3 x 360.


    Was konnten die Babylonier damals mit den 18 Jahren sinnvolles anfangen?


    grüsse,
    Folki

  • Nun, der betreffende Schnittpunkt von Himmelsäquator und Ekliptik heisst ja auch "Widderpunkt", weil er eben im Altertum, zu Zeit des Ptolemäus, im Sternbild Widder lag. Wegen der Präzession wandert er in eben den 25800 Jahren einmal komplett durch alle Sternbilder des Tierkreises. In etwa seit 2000 Jahren wanderte er dann durch das Sternbild Fische, und kommt nun so langsam im Sternbild Wassermann an (kennst den Song noch: "Age of Aquarius"?! -> aber bitte, BITTE nicht ernstnehmen, das hat keinerlei Einfluss auf irgendwas!)


    Und in der Tat, die Jahres- und jedwede andere Astrologie auch IST "für Semmel", ganz ganz vorsichtig ausgedrückt. Aus genau diesem Grund, und noch ganzen Bibliotheken voller anderer Gründe auch. "Totaler Unfug" wäre noch passender.


    Mit den Zahlen ist es halt so, dass man durch freies Hin- und Herkombinieren immer irgendwas konstruieren kann das passend aussieht, aber die wissenschaftliche Aussagekraft ist gleich null, denn mit jeder anderen Zahl und etwas anderen Kombinationen, die man ja eh frei aussucht, ginge es halt auch.


    Die 18 Jahre an und für sich sind eine echte physikalische Grösse und ermöglichten es den Babyloniern, Finsternsse ziemlich gut vorherzusagen. Das ist für diese Zeit eine sehr beeindruckende Leistung, und wird doch eigentlich nur ungebührlich geschmälert wenn man jetzt versuchen würde, da mehr hineinzukonstruieren, oder?


    Viele Grüsse,
    DK

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