Spechteln eines Anfängers nördlich des Polarkreise

  • Wie schon so häufig haben wir auch in diesem Februar/März unseren Urlaub nördlich des Polarkreises verbracht. (Anmerkung am Rande: Schlittenhunde sind das Hobby und der Grund für freiwilligen Aufenthalt im Freien bei Minusgraden [:)]


    Doch dieses Jahr war Premiere.
    Zum Geburtstag gab es ein 150/750 Newton und der war mit von der Partie.
    Gedanklich immer diesen schönen und klaren Sternenhimmel am Polarkreis ohne Lichtverschmutzung vor Augen, war es nur allzu selbstverständlich, dass das „Rohr“ dabei war.
    Am 26.2.2008 schienen nun die Bedingungen – was den Himmel betrifft – sehr gut zu werden, so dass ich ganz entspannt meinen Newton zum Auskühlen auf die Terrasse brachte. (Koordinaten: ca 27° O, 67°N)
    Thermometer zeigte uns – 12 ° gegen 19 Uhr. Na ja, mit den richtigen Kleidungsstücken – kein Problem!!
    In weiser Voraussicht habe ich mir ein Hyperion Zoom 8 – 24 mm zugelegt, was mir das ständige Wechseln der Okulare erspart. Kleine Schräubchen und dicke Handschuhe passen nicht unbedingt zueinander.


    Den Spechtelplatz habe ich mir noch bei Tageslicht zurechtgemacht, d.h. Schnee auf dem zugefrorenen Fluss plattgewalzt, um eine einigermaßen stabile Unterlage zu haben.
    Montierung aufgestellt und auf einen dunklen Himmel gewartet – der dann auch kam.
    Ohne besondere Adaptierung konnte man Mizar von Alkor trennen. Die Freude entsprechend groß. Mein Mann schaute wortlos, aber sehr skeptisch auf das Thermometer, auf dem die Temperatur unaufhaltsam weiter sank. Er zog es vor seinen Abend in der Sauna zu verbringen.
    Mein Newton, Okularbox, Karkoschka, Taschenlampe und Sternenkarte auf den Hundeschlitten gepackt und ab ging es auf den Fluss zum Spechteln (natürlich ohne Hunde)


    Als blutiger Anfänger, der sich noch am Himmel zurechtfinden muss, hatte ich beschlossen, mit den üblichen Objekten zu beginnen. Orion stand klar und mächtig am Südhimmel, der Orionnebel mit bloßem Auge erkennbar – schön. Langsam durch das Hyperion geclickt und einfach nur begeistert. Es ist erstaunlich, dass man doch jedes Mal wieder andere Strukturen erkennt – d.h. das Auge lernt.
    Auch war erstaunlich, dass die Montierung doch nicht so instabil war, wenn man bedenkt, dass ich das Stativ auf 20 cm gewalztem Schnee und ca. 40 cm Eis gestellt hatte.
    Praesepe im Krebs war sehr deutlich als verwaschenes Etwas mit bloßem Auge zu erkennen. Durch das Okular (24 mm ) – einfach genial und überwältigend schön. Nur schwer konnte ich meine Augen davon lösen.


    Weiter zu den Plejaden – wie ich finde die Juwelen am Himmel. Dieses Objekt ist für mich immer ein MUSS.


    Für h und chi im Perseus brauchte ich etwas länger, bis ich sie einstellen konnte, was ich allerdings eher meiner eigenen Unfähigkeit und Ungeübtheit zuschreibe. Die Freude war groß, als das Objekt endlich sichtbar war.


    Langsam aber sich bemerkte ich eine leichte Kälte in meinen Fingerspitzen, vielleicht sollte ich doch den Karkoschka mit Handschuhen blättern, auch wenn es ohne etwas einfacher geht.


    Nun weiter zum M33, bei dem ich ebenfalls immer noch relativ lange brauche, bis ich das Objekt im Rohr einfangen kann. Nach geraumer Zeit endlich das Erfolgserlebnis, ein verwaschenes Objekt wird sichtbar.
    Beim Versuch das Zoom zu betätigen, um eine Vergrößerung zu erreichen – Oh Schreck- „Rien ne va plus“. Was ist passiert? Das Hyperion streikt!!![:0]


    Der Frust macht sich breit und blitzschnell auch die Kälte in den Fingern bemerkbar.
    Da es mittlerweile auch schon Zeit wurde, die Hunde zu versorgen, fiel mir der Entschluss die Spechtelsession abzubrechen nicht allzu schwer.


    Alles wieder auf den Schlitten gepackt und ab in die gemütlich warme Hütte.
    Ein Blick auf das Thermometer erklärte einiges....es waren inzwischen – 24° geworden und meinem Hyperion entschieden zu kalt, es war eingefroren.
    Allerdings 2 ½ Stunden bei solchen Temperaturen - das ist auch nur mit einer gehörigen Portion Begeisterung zu bewältigen [:D]


    2 Tage später schienen die Bedingungen wieder optimal für einen ruhigen Spechtelabend, allerdings keine Änderung bei den Temperaturen.


    Dieses Mal sollte der Saturn, der als kleiner Diamant beim Löwen verweilt, das erste Objekt der Begierde sein, anschließend standen diverse Open Cluster auf der Liste.


    Saturn eingestellt und ja er hatte immer noch seinen Ring und heute relativ still und ruhig im Okular zu sehen. Das Hyperion funktioniert auch wieder – wunderschön – die Vorfreude auf eine schöne – wenn auch kalte Nacht – steigt.
    Während des Betrachtens von Saturn wird die Luft zunehmend unruhig, der Planet beginnt zu tanzen und wabbern. Nanu, was soll das denn jetzt? Gerade noch so schön anzuschauen und nun das . Auge weg vom Okular, Montierung schien ok, erneuter Blick durch das Rohr, keine Änderung. Dann der Blick zum Himmel, helle Schlieren zogen von Norden heran. [:(] Unruhe am Himmel wird sichtbar. Ich denke es wird Zeit den Fotoapparat zu holen, vielleicht lohnt es sich ja.
    Und es hat sich gelohnt. Das Ergebnis war eines der schönsten Polarlichter, das ich je gesehen habe. So hell, dass ich mit meiner kleinen Kompaktkamera ohne Stativ einige Fotos (wenn auch keine superscharfen) von diesem Naturereignis machen konnte.
    (Und wenn ein solches Polarlicht der Grund eines schlechten Seeing ist – bitteschön [8D] - das nehme ich doch gerne in Kauf )


    Die Stimmung beim Polarlicht ist bei mir persönlich immer eine ganz besondere:
    Es ist sehr still, vielleicht ruft aus der Ferne ein Käuzchen, der Schnee knirscht trocken unter den Stiefeln und am Himmel flackert dieses grüne, gespenstische Licht, bewegt sich manchmal wie ein Vorhang einer Bühne, der auf und zu geht.
    Wir wissen alle durch was es hervorgerufen wird, dennoch denke ich jedes Mal an die Menschen vergangener Zeiten, die dies noch nicht wussten. Welche Ehrfurcht muss dieses Schauspiel wohl in ihnen hervorgerufen haben?


    Weitere Bilder kann man auf unserer Hunde- HP finden unter


    http://www.taysa-siberians.de/…d_2008/finnland_2008.html


    bitte ganz nach unten scrollen – dort sind die Lichtspiele zu finden




    Der helle Stern im grünen Schweif über der Baumreihe ist übrigens Arktur im Bootes.



    viele Grüße
    vulpecula / Tina

  • Hallo Tina,


    beim lesen Deines Berichtes kriegt man richtig Lust darauf es selbst zu erleben. Muß wunderbar gewesen sein und die optischen Eindrücke hast Du herrlich beschrieben.


    Ich wünsche Dir, daß Du die Erinnerung daran lange behälst - mir hat Dein Bericht Freude gemacht.


    schönen Gruß,
    Christian

  • Hi Tina,
    möchte mich Christian anschliessen: echt starker Bericht! Beim lesen kommt richtig Feeling auf (fröstel), klasse![:)]


    Auch die Polarlichter hast Du gut getroffen. Waren die visuell noch heller als auf der Aufnahme? Die zwei Male, die ich erleben durfte, waren beide bei fast Vollmond und auf 52°N, deswegen habe ich ehrlich gesagt keine Ahnung, wie hell sowas wirklich werden kann?


    Aber auch die anderen Fotos auf euren Seiten sind interessant - am besten gefallen mir das erste und dritte unter "Rentier-Rennen"[:D][;)]


    Viele Grüsse,
    Daniel

  • Hallo Tina,
    danke für deinen Bericht - ich kann sehr schön die Stimmung beim Winterspechteln nachfühlen.
    Polarlichter möchte ich auch mal live erleben!


    Leider ist das Schneespechteln bei uns in Deutschlend diesen Winter ja praktisch ausgefallen. Wie sehr ich selbst das genieße, kannst Du an meinem Foto im Benutzerprofil erahnen. Zwischen -10°C und -15°C halte ich es, richtig angezogen, viele Stunden am Teleskop aus ohne zu frieren. Wichtig ist eine gut isolierende Kopfbedeckung und gut isolierende Schuhsohlen, alternativ ein Holzbrett oder ähnliches unter den Füßen.
    Ein 150/750 mm Teleskop ist schon recht leistungsfähig und vielseitig; nicht sehr viel schlechter als ein 200/1200, aber viel kompakter.


    Was dein Zoom-Okular angeht, ist da wohl nicht so gut kälte-geeignetes Fett drin. Ich würde mich vermutlich trauen, es zu zerlegen, zu reinigen und mit geeigneterem Fett neu zu schmieren.


    Ich habe mal auf russischen und finnischen Astro-Websites gestöbert. Die besonders kältefesten Exemplare der Gattung Hobbyastronom halten bis max. -35°C durch, dann geben die auch auf.
    Das hält kein Laptop und keine Kamera aus.


    Übrigens kann ich meine "bessere Hälfte" auch nicht dazu bewegen, sich nachts bei Kälte ans Teleskop zu stellen. Dabei gibt's für mich kaum was Schöneres, als warm eingemummelt den winterlichen Nachthimmel zu genießen. Manchmal auf einem Liegestuhl nur mit bloßem Auge oder Fernglas, zusätzlich in warme Decken gehüllt.


    Gruß,
    Martin

  • Coole Bilder! Gratulation!


    Gruß und CS
    Knut

    Grüße

    Knut

    102 f7 ED Refraktor, 200 f5 Newton, 120 f5 Richfield Achromat, 127 f12 Maksutov, Nikon Action VII 8x40

  • Hallo Tina,


    so ein schöner Bericht, hui, der und die wunderbaren Bilder auf Eurer Hunde-Seite regen mich ja direkt dazu an, mal meine Urlaubsgewohnheiten (ab in den heissen Süden) zu überdenken.


    Und für Dich zur Belohnung für die tollen Polarlichtfotos und für die Tapferkeit bei -24 Grad gibts den Coolness-Award:



    mit schönen Grüßen

  • Hallo Tina,


    toller Bericht, Danke dafür!
    Bis jetzt war ich nur im Sommer so weit nördlich, aber wenn ich Deinen Bericht lese bekomme ich große Lust aufs Nordland im Winter.


    Viele Grüße,


    Ulli

  • Hallo Tina,


    das ist ein richtig toller Bericht! Den hast Du schön geschrieben, dass man es fast miterleben kann. Diese besonderen Stimmungen, die Du beschrieben hast: der Schnee, das Käuzchen, die Sterne...


    Danke, es hat mir viel Spaß gebracht, ihn zu lesen, und die Fotos (auch die bei Tageslicht) sind richtig schön.


    Schöne Grüße,
    Christiane

  • vielen Dank für die netten Antworten [:)]
    Da ich mich eigentlich eher zu den "Lesern" als "Schreibern" zähle, freue ich mich besonders über die positive Resonanz.
    Zudem wollte ich euch doch auch ein wenig an diesem Polarlicht "beteiligen" [:D]



    Quote
    Waren die visuell noch heller als auf der Aufnahme?

    <u>an Daniel</u>
    Nur selten war dieses Polarlicht visuell heller als auf der Aufnahme. Die Fotos geben schon recht getreu die eigentlichen Farben wieder.
    Einige Tage später gab es erneut ein Polarlicht, aber deutlich schwächer, so dass nur zarte grüne Streifen auf dem Foto zu sehen sind.


    an Stephan:
    danke für den Coolness award [8D]


    .......und mein Mann schaut schon gerne durch das Okular, aber er will dann immer gleich dorthin fliegen und sooo lange möchte ich nicht wirklich auf ihn verzichten [:D]


    vg
    Tina

  • Hi Tina!


    Schöner Bericht, hat richtig Spaß gemacht, ihn zu lesen.
    Sag mal, wie lange hast Du denn in der Kälte gestanden, bei diesem eisigen Temperaturen? Super Bilder, danke dafür.



    Viele Grüße,


    Polarlicht

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