Manchmal muss man einfach mal. Beobachtungsbericht

  • Manchmal muss man einfach mal...


    nachts dringend wohin. Egal wie kuschelig es im Bett ist - es nützt nichts, man kommt nicht drumherum. Also quälte ich mich heute Nacht um kurz vor vier aus dem Bett und schlurfte Richtung Bad. Halbblind (li: -5,5 re: -1,25, d.h. ganz ordentlich kurzsichtig) sah ich helle Sterne zum Badfenster reinschauen. Hmm, dachte ich so bei mir, der Himmel sieht gar nicht schlecht aus. Also weiter im Dunkeln zum Wohnzimmer und nach dem 15x50 Spektiv geangelt. Wieder ans Badfenster, Gucki ran ans Auge und: Ooh, schöön... Die Durchsicht war fantastisch und der Himmel so dunkel.


    Da fiel mir ein, Mensch, der Schwan müsste schon aufgegegangen sein. Also tappe ich zur Haustür, schau hinaus und vor meinen kurzsichtigen Augen seh ich trotzdem die wunderschöne Milchstraße im Schwan vor mir ausgebreitet, mit all ihren dunklen Schattierungen. Schnell das Spektiv ans Auge und auf Deneb gezielt - ich rühre im Sternenmeer herum, aber der Schrägeinblick ist doch etwas ungewohnt. Also schnell mal an Nachbars Antenne "justiert", wieder hoch zum Schwan geschwenkt, ok, da ist Deneb, jetzt etwas darunter gezielt - Mann, da ist der Nordamerika-Nebel klar und deutlich zu sehen, besonders "Mittelamerika" und "Florida" sind gut zu sehen. Hach, wie schön, aber auch kalt, so im Schlafanzug, brrr. Ich mach die Tür wieder zu und leg mich wieder ins kuschelige Bett, als mir folgender Gedanke durch den Kopf geht: Ach, wenn man den Nebel im 15x50 schon so gut sieht, wie siehts denn dann im TS 20x80 Fernglas aus? Also schäl ich mich zum zweiten Mal aus der Bettdecke, schnell die Jacke an, eine zweite Hose drüber, eine Mütze auf den Kopf und eine Schalmütze fürs Gesicht. Hmm, Handschuhe wären auch nicht schlecht, also tapp ich durch die Wohnung und angle die Segelhandschuhe aus der Reisetasche. Schnell noch die Isomatte aus der Ecke und das Fernglas geschnappt, ok, der Schlüssel ist auch in der Hosentasche, also Tür auf und raus.


    Beim Nachbarn läuft der Fernseher, aber sonst ist es sehr schön dunkel. Isomatte ausgerollt, drauf, und das Glas an die Augen. Toll. Im Schwan ertrinkt man fast in Sternen, der Nordamerikanebel ist jetzt noch deutlicher und durch das größere Gesichtsfeld auch besser zu überblicken. Ich surfe eine Weile durch den Schwan, dann schwenke ich zum großen Bären und nehme M 101 aufs Korn. So deutlich hab ich die noch nie gesehen, sie erscheint viel flächiger mit leicht aufgehelltem Kern, ich meine etwas Struktur zu erkennen, aber das ist wohl Einbildung. Wenn M 101 schon so hell ist, müssten M 81 / M82 auch nett sein, also hingeschwenkt und beide springen mir regelrecht ins Auge. So hell vor samtschwarzem Himmel... Toller Anblick, nicht nur die üblichen konturlosen Fleckchen, sondern klar abgegrenzt. Jetzt schwenke ich nochmal Richtung Sommermilchstraße, und entdecke tief im Südosten, etwa 10 Grad über dem Horizont zwischen Hauswand und einem Haselstrauch einen hellen, kompakten Nebel, der deutlich strukturiert ist. Da der sichtbare Himmelsausschnitt klein ist, kann ich den Nebel räumlich schlecht einordnen. Also steh ich auf und schleiche fünf Meter vor Nachbars Wohnzimmerfenster vorbei, ich hoffe, der ruft nicht die Polizei, und luge um die Hausecke. Wie ein Blitz trifft mich das Licht einer Straßenlampe, ich kneife die Augen zu und schleiche zurück - sind eh zuviele Bäume in der Richtung.


    Langsam werden meine Hände kalt, im Stehen suche und finde ich noch M31, die im Horizontdunst nichtmal mit bloßem Auge zu sehen ist. Entsprechend unspektakulär sieht sie aus. Jetzt ist es halb fünf, ich roll die Matte zusammen und gehe wieder rein. Während in der Mikrowelle ein Kakao heiß wird, werfe ich durchs Fenster einen letzten Blick auf das helle "W" von Cassiopeia.
    Als ich wieder im Bett liege, geistern mir schon die ersten Sätze dieses Berichts durch den Kopf. Es ist lange her, dass ich einen so genialen Himmel gesehen habe. Zur Grenzgröße kann ich leider nichts sagen, da ich ohne Glas und Kontaktlinsen nicht viel sehe, aber gut wars. Ein Hoch auf den Dioptrienausgleich und auf mein Fernglas, denn ein komplettes Teleskop hätte ich um die Uhrzeit bestimmt nicht rausgeschleift, auch wenn es sich gelohnt hätte.
    Der helle Nebel im Südosten war übrigens der Omega-Nebel, im Nachhinein fand ich die namensgebende Struktur doch deutlich zu erkennen.


    Heute morgen ist hier in Marburg übrigens dichtes Schneetreiben.



    Viele Grüße und CS,
    Anke

  • Quote
    Und: so einen schönen Beobachtungsbericht kann halt nur eine Frau schreiben !


    Echt? Wieso?
    Ich muss sagen, ich finde es ja irgendwie bekloppt, morgens um vier auf der Terasse zu liegen, aber wenn es sich so sehr lohnt...
    Möchte gerne wissen, was die Nachbarn denken bzw. denken würden.


    Manchmal kommen sogar wilde Tiere vorbei, letzten Sommer trippelte oft ein Igel schnüffelnd und schnaufend bei mir vorbei, stieg sogar über die Ecke der Isomatte und wackelte ca. 15 cm an meinem Ohr vorbei.


    Ich denke, das sind einfach die Erlebnisse, die dieses Hobby so lohnenswert machen, und: Ja, andere Leute sind auch so verrückt... [:D]


    Dabei fällt mir ein, ich hab die goldene Sternschnuppe vergessen zu erwähnen, die genau durch den Nordamerika-Nebel gesaust ist.


    CS, Anke

  • Wunderschöner Beobachtungsbericht!


    Ich will auch mal einen so tollen Himmel haben.[:0]
    Von Deep Sky durchs Fernglas kann ich hier in Berlin nur träumen[xx(][V]
    (mal abgesehen vom Orionnebel).


    Neidische Grüße[;)]
    Alex

  • Quote
    Zitat:
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    Und: so einen schönen Beobachtungsbericht kann halt nur eine Frau schreiben !
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    Echt? Wieso?

    Quote
    Dabei fällt mir ein, ich hab die goldene Sternschnuppe vergessen zu erwähnen, die genau durch den Nordamerika-Nebel gesaust ist.


    ein Mann hätte geschrieben: "außerdem konnte ich noch eine -2.3 mag helle Lichterscheinung von ca 35 Grad Länge beobachten, die sich mit 35820 km/h von NWN her kommend quer durch NGC 7000 bewegt hat"


    was ist da schöner ? alles klar ? [:X] [:)]

  • Anke, vielen Dank für den schönen Beobachtungsbericht,
    er ermuntert mich,
    auch gelegentlich den bequemen inneren Schweinehund zu überwinden,
    um mal wieder ein so unvergeßliches Beobachtungserlebnis zu haben….

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