OdM Juli 2026 - Der rote PN (PK64+5.1)

  • Hallo!


    Als OdM für den Juli 2026 habe ich den Planetarischen Nebel PK64+5.1 ausgesucht. Wie im August des letzten Jahres wird es also wieder visuell, klein und etwas schwierig. In den letzten Jahren habe ich das Objekt immer wieder aufgesucht, mit meinem alten Celestron 8, meinem langjährigen 12,5" Starfinder-Dobson und meinem jetzigen, etwas kleineren 10"-Dobson. Auch gelangen mir einige Beobachtungen mit meiner damaligen 16" Meade Lightbridge.


    Das Objekt

    PK64+5.1 ist ein nur etwa 6" kleiner Planetarischer Nebel, sein Zentralstern (ZS) ist der berühmte "Campbells Wasserstoffstern" HD184738. Der ZS ist ein sehr heißer, massereicher Wolf-Rayet-Stern vom Typ WC am Ende seines Lebenszyklus. Durch starke Sternwinde hat sich um den Stern eine rötliche Gasblase (also ein junger PN) gebildet, dessen Spektrum starke Peaks bei H$\alpha$ und H$\beta$ zeigt, also ganz verschieden zu den OIII-Linien gewöhnlicher PNs.


    PK64+5.1 - Hubble-Bild und Spektrum


    William Wallace Campbell und sein Wasserstoffstern

    William Campbell lebte von 1862 bis 1938, war Direktor des Lick-Observatoriums und später Präsident der University of California. Als Spezialist für Spektroskopie entdeckte er 1893 die Eigenschaften des Sterns, der heute als "Campbell´s Hydrogen Star" bekannt ist (HD184738). Anscheinend wurde das Objekt aber bereits drei Jahre früher von Williamina Fleming gefunden und als besonders erkannt. Zu dieser Zeit war sie Assistentin des Astronomen Edward Charles Pickering und fand den Stern mit dem besonderen Spektrum auf Fotoplatten des Harvard-Observatoriums.


    Der PN gehört sicher zu den interessantesten Objekten, die ich bisher beobachtet habe. PK64+5.1 befindet sich etwa 2.5° nördlich von Albireo im Sternbild Schwan und bildet mit $\phi$ Cyg und 9 Cyg ein kleines Dreieck:


    PK64+5.1 im Sternbild Schwan bei $\beta$ Cyg (Grafik: Specht)


    Die Helligkeit des Objekts beträgt etwa 10mag, der PN ist somit auch in Stadtnähe gut zu sehen. Ich habe an meinem Dobson Aufsuchkarten mit einem Gesichtsfeld von 2° und 1° gezeichnet. Damit gelangt man per Starhopping gut von 9 Cyg zum roten PN:


    Der Weg von 9 Cyg zu PK64+5.1


    Andere Karten: GUIDE 9 findet das Objekt unter seiner Bezeichnung im PNG-Katalog 064.7+05.0, seltsamerweise mit dem Präfix "PK". Eine gute Karte findet man auch im TriAtlas von José Torres (Karte C134).


    Beobachtungen

    Ein OIII-Filter hilft bei der Beobachtung nicht; wegen seiner besonderen Natur wird er durch diesen Filter sogar dunkler. Interessant sind Beobachtungen mit einem H$\beta$-Filter. Was man wahrnimmt, hängt vom Seeing, der Vergrößerung und der Teleskopöffnung ab. Die Farbe wird von zart orange bis deutlich orange beschrieben, manchmal rot oder sogar feuerrot. Farbwahrnehmungen sind immer subjektiv, deshalb hier einmal meine Beobachtungen und Eindrücke über die Jahre mit Öffnungen zwischen 8" und 16" (ohne Filter):


    - Unter V=100x wirkt der PN stellar mit deutlich orangener Tönung. So fällt er mir auch im Übersichtsokular auf.


    - Ab etwa V=200x wird das Objekt zum "blinking planetary": Bei direktem Sehen sieht man den eigentlichen "Wasserstoffstern", bei indirektem Sehen wird der PN sprunghaft etwas größer und man sieht auch den umgebenden Nebel. Der Farbeindruck wird mit zunehmender Öffnung intensiver.


    - Ab etwa V=300x und optimalem Seeing löst sich bei 12,5" Öffnung der Nebel vom Zentralstern. Das Objekt sieht aus wie ein Stern mit einem Beugungsring. Die Farbe ist deutlich rötlich.


    - V=520x (16" Lightbridge): Bei sehr gutem Seeing liegt ein beinahe roter Ring um den ZS!


    Eine gute Jagd für den Juli

    wünscht euch Volker :hot_beverage:

    Beobachtungen mit 10" Dobson auf Selbstbau Birke-Multiplex, achromatischen Refraktoren und 20x80-Fernglas

    Eigene PC-Planetariumsoftware, Sichtbarkeitsdiagramme und Grafiken

  • Hallo, Kollegen,


    der PN wird auch He 2-438 genannt, oder?

    Hier ein Bild mit einem tele 135mm bei f/2.8 vom 22.05.26; 101 min belichtet mit einem Nebelfilter. Dies sind hier "nur" 60 nm Grün/Blau + immerhin 16 nm Rotbereich. Daher die vielen rötlichen Sterne in der Umgebung. Dies ist ein sehr kleiner Bildausschnitt und der PN liegt in der Bildmitte (hat einen größeren roten Halo als die anderen Sterne). Die Auflösung liegt nur bei ca. 5.7"/Pixel. Canon 750da. Daher wird wahrscheinlich auch die Farbe von Nachbarsternen auf dieses Pixel projiziert. Der Ausschnitt liegt schon etwas am Bildrand: daher die leichte Unsymmetrie der Farben?

    viele Grüße

    Andreas

  • Hallo Volker,


    den hatte ich mal vor Jahren versucht (war der schon mal ODM? oder hat nur jemand speziell in einem Beobachtungsbericht dieses Objekt beobachtet?).

    Leider vergebens. Entweder hab ich ihn nicht auffinden können (danke für Deine Aufsuchkarte an dieser Stelle!) oder er erschien als schwacher Stern, farblos.

    Ich glaube damals noch mit dem 8" Newton versucht.


    Nun hab ich ja den 16". Also vertraue ich mal auf Deine Beobachtung mit dem 16-zöller, erwarte also zumindest einen Farbeindruck. Wie ich Dich verstanden habe, ist es aber besser ohne Filter (nicht mal mit h-beta) zu beobachten, da offenbar Dein Farbeindruck "rot" ist.


    Mal sehen ob es mit diesem Gerät diesen August, oder September schaffe auf das Feld zu kommen. Maximale Vergrößerung wäre bei mir: 400x.


    Vielen Dank und CS,

    Walter

  • Hallo Volker,


    spannend, kannte ich noch gar nicht. Ich habe ihn auf einem Bild gefunden, welches ich vor kurzem vom Supernovaüberrest SH2-91 aufgenommen habe, als Beifang quasi, es ist der rötliche Stern in der unteren Mitte des Bildes (AskarFRA300 mit ASI294MCPro und Lextreme-Filter auf AM3 mit Guiding über ASI AIRmini, 70x5min):



    Die beiden hellen Sterne in der oberen Bildhälfte sind 9-Cyg und Phi-Cyg. Der PN bildet mit beiden ein gleichseitiges Dreieck. Was mir bei der Analyse dann noch auffiel, sind die zwei flauschigen weißen Objekte unterhalb des PN (wahrscheinlich ein und dasselbe lediglich weiterbewegt)!? Die gehören da laut Sternkarte nicht hin. Die Aufnahmen entstanden in drei aufeinanderfolgenden Nächten (24./25./26.05.). Weiß jemand, was das sein könnte?


    Viele Grüße

    Thomas

  • Hallo Volker,


    dein ODM hat mich daran erinnert, dass ich vor Jahren mich auch an Sh2-91 mit der ASI 071 MC nur mit UV/IR Filter versucht hatte. Der SN Rest ist kaum zu erkennen, aber Campbell's Stern sticht auf den ersten Blick ins Auge.

    Danke, schönes Objekt.



    Viele Grüße

    Peter

  • Moin Zusammen und Danke Specht für das interessante ODM!


    Letzte Nacht (24./25.06.2026) habe ich mich auch mal mit dem PN PK64+5.1 beschäftigt.

    Die schwachen SNRs in der Umgebung bleiben durch die relativ geringe Belichtungszeit und den verwendete UV/IR-Cut-Filter leider unsichtbar.


    Belichtet habe ich 767x10s = 2,13 Stunden - das entspricht der (aktuell leider nur halbwegs) dunklen Nachtphase hier im Norden. Mehr war nicht drin. ;)

    Das verwendete Teleskop ist mein umgebautes Origin (6" f/2.2 RASA) powered by PINS.


    Die volle Auflösung gibt es in der Galerie und alternativ:


    :right_arrow: hier die zoombare Ansicht im Astrotreff-Viewer, die Taste "a" oder das Stiftsymbol schaltet die Annotation an/aus:left_arrow:


    Campbell_s_Hydrogen_Star_25062026_1200.jpg


    Aufnahmedaten:

    Datum: 24./25.06.2026

    Teleskop: Celestron Origin RASA | Belichtung 767x10s = 2,13 Stunden mit Player One Anti-Halo UV/IR-Cut-Filter | Aufnahme mit PINS| gestackt mit APP | bearbeitet mit PI und PS


    Campbell_s_Hydrogen_Star_25062026_1200_Annotated.jpg


    crop, hochskaliert auf 1200px:


    Campbell_s_Hydrogen_Star_25062026_crop_skal.jpg


    Viel Erfolg bei der ODM-Jagd und CS,


    Jochen

  • Hallo Volker,


    das ist wirklich ein ganz außergewöhnliches Objekt !


    Von dem Planetarischen Nebel PK64+5. kann ich zwei Beobachtungen aus dem Jahr 2016 beisteuern: Einmal Ende Juli mit dem 10-Zöller im Risstal, und eine Woche später mit dem 16-Zöller am Jaufenpass. Das Ergebnis hab ich im Rahmen des Berichts vom Jaufenpass zusammengefasst:


    '"Campbell's Hydrogen Star" ist ein sehr ungewöhnlicher kleiner planetarischer Nebel: Nicht wie so oft mit türkiser Farbe (und empfänglich für den OIII-Filter), sondern in einer Art mattem rot-orange leuchtend.

    Das Objekt war mir schon neulich im 10-Zöller sofort an seiner ganz eigenen Farbe aufgefallen, die sich auch von der Farbe klassischer roter (Über-)Riesensterne wie Beteigeuze oder Aldebaran unterscheidet. Bei 235-facher Vergrößerung (4.8er Nagler) - und höher mittels Barlow-Linse - erschien das Objekt klar flächig, und ich konnte blickweise um den 10 mag hellen Zentralstern einen schmalen rötlichen Saum ausmachen; der stammt von 11,3 mag hellen eigentlichen Nebel. Das war ganz deutlich zu erkennen - ein tolles Objekt ! Im 16-Zöller sah ich am Jaufenpass keine neuen Details, nur war alles bei 300x und 380x noch heller und einfacher zu sehen.'


    Servus

    Ben

  • Servus,


    Jap, sehr gutes OdM, ein sehr interessantes Objekt - vor allem derzeit zu Flatsky Bedingungen (helle Sommernächte) ;).


    Da war ich visuell 2009 schon am Beobachten - wen's interessiert hier mein damaliger Bericht:

    eyes4skies - Astro / BeobachtungsReports

    (besser nicht von dieser Seite weiter navigieren, alte Webseiten- Version v1 ohne Connect zur neuen v2)


    Wegen alternativer Benennungen (auch GAIA etc) nimmt man am besten einen SIMBAD-Lookup unter der sehr einfachen ID HD184738

    SIMBAD


    Lg,

    Peter

  • Hallo Peter,


    ich hab deinen Report mit Interesse gelesen. Und du schreibst:


    "... Einen hab ich noch: Campbell's Hydrogen Star (CHS) (Campbell 1893) steht aufsuchgünstig 2.8° nördlich von Albireo.

    ... CHS ist wohl der hellste (10.4mag, leicht variabel)) C-Typ Wolf-Rayet Stern (Klassifikation: WC9) auf der Nordhalbkugel. "


    Ich kannte nur Ersteres, der zweite Fall ist mir ganz neu:


    "Wolf-Rayet-Sterne sind keineswegs eine physikalisch einheitliche Klasse von Objekten. Einerseits sind dies eher sehr massive (20 Msun), heisse Sterne auf dem Weg zu SN-Explosionen. Andererseits sind aber auch manche Zentralsterne von PNs vom Wolf-Rayet-Typ (10% aller WRs), diese sind aber etwa im Massenbereich der Sonne (1-3 Msun) und somit Sterne, die nach dem Riesenast (post-AGB) nun auf dem Weg zum Weissen Zwerg sind. Man sollte also eher vom 'Wolf-Rayet-Phänomen' (schwache Wasserstoflinien, starke Emmissionslinien von He/C/N/O, hoher Massenverlust, turbulenter + massiver Wind) sprechen, als von 'dem WR-Sterntyp'. :thumbup:  8)


    Servus

    Ben

  • Hi Ben,


    Ich glaube meine Beschreibung von damals (immerhin 17Jahre her, uuups :huh:, ich hatte wegen meiner CHS Beobachtungen nur ein paar Papers zum Thema WR gelesen, soweit ich mich erinnere) war gar nicht so schlecht, wenn man mit 'neuesten Tools' nochmal nach der heutigen 2026er Sicht fragt... ;)


    ---


    Am einfachsten heutzutage mal Prof. GPT nach dem heutigen (nach 2009) Stand der Dinge gefragt, relativ zu meinem damaligen Wissensstand, also an chatGPT folgender Prompt:

    Wolf-Rayet sterne oder wolf-rayet phänomen, was ist treffender ? Welche typen gibt es und wie sind sie charakterisiert ? Hat sich seit 2009 hier neues ergeben ?


    Die Bezeichnung „Wolf-Rayet-Sterne“ ist für die klassische Sternklasse nach wie vor der treffendste Begriff. Der Ausdruck „Wolf-Rayet-Phänomen“ wird heute aber zunehmend verwendet, wenn man betonen möchte, dass die charakteristischen Spektrallinien nicht ausschließlich bei klassischen Wolf-Rayet-Sternen auftreten. Das ist tatsächlich eine Entwicklung, die sich seit etwa 2009 deutlich verstärkt hat.


    Wolf-Rayet-Sterne – die klassische Definition


    Charles Wolf und Georges Rayet entdeckten 1867 Sterne mit ungewöhnlich breiten Emissionslinien. Ein klassischer Wolf-Rayet-Stern ist:

    ein sehr massereicher Stern (typisch Anfangsmasse >20–25 Sonnenmassen),

    extrem heiß (30.000–200.000 K),

    besitzt einen außergewöhnlich starken Sternwind,

    verliert Materie mit etwa 1000–3500 km/s,

    zeigt Emissionslinien statt der üblichen Absorptionslinien.

    Das Spektrum stammt überwiegend aus dem dichten Sternwind und nicht direkt von der Sternoberfläche.


    Warum spricht man heute vom Wolf-Rayet-Phänomen?


    Seit den 2010er Jahren wurde immer klarer:

    Das Spektrum ist das Entscheidende – nicht unbedingt die Sternart. Wolf-Rayet-artige Emissionslinien findet man beispielsweise auch bei

    Zentralsternen von Planetary nebula,

    sehr massereichen jungen Sternen,

    manchen Wechselwirkungs-Doppelsternen,

    extrem heißen Heliumsternen,

    kurzzeitig nach Supernovae.

    Daher sprechen viele Autoren heute vom Wolf-Rayet-Phänomen, wenn lediglich das Spektrum gemeint ist.

    Das ist insbesondere in der modernen Spektroskopie präziser.


    Die klassischen Wolf-Rayet-Typen


    Die Einteilung erfolgt nach den dominierenden Emissionslinien.


    1. WN-Sterne (Stickstoff)

    Dominierende Linien:

    He II

    N III

    N IV

    N V

    Kaum oder kein Kohlenstoff.

    Sie zeigen Material aus dem ehemaligen Wasserstoffbrennen (CNO-Zyklus).

    Untertypen:

    WN2–WN5 → frühe WN (heiß)

    WN6–WN9 → späte WN (kühler)

    Zusatz:

    WNh = enthält noch viel Wasserstoff

    Diese WNh-Sterne gelten heute häufig als extrem massereiche Sterne, die noch gar keine klassischen Wolf-Rayet-Sterne im evolutiven Sinn sind.


    2. WC-Sterne (Kohlenstoff)

    Dominierende Linien:

    C III

    C IV

    He

    Fast kein Stickstoff.

    Jetzt wird Material sichtbar, das aus dem Heliumbrennen stammt.

    Untertypen:

    WC4–WC9

    WC4

    → heiß

    WC9

    → etwas kühler


    3. WO-Sterne (Sauerstoff)

    Sehr selten.

    Dominierende Linien:

    O VI

    O V

    C IV

    Temperaturen:

    150.000–250.000 K

    Sie stellen wahrscheinlich eine der letzten Phasen vor einer Kernkollaps-Supernova dar.


    4. Weitere Klassen

    Seit 2009 haben sich mehrere zusätzliche Kategorien etabliert oder wurden klarer abgegrenzt.

    WN/C

    Übergangsobjekte.

    Sie zeigen gleichzeitig

    Stickstoff

    Kohlenstoff

    Sie markieren wahrscheinlich den Übergang

    WN → WC.

    [WR]-Sterne

    Die eckigen Klammern sind wichtig.

    Das sind keine massereichen Sterne, sondern Zentralsterne Planetarischer Nebel.

    Sie besitzen ebenfalls Wolf-Rayet-artige Winde.

    Man unterscheidet etwa

    [WC]

    [WO]

    Die eckigen Klammern vermeiden Verwechslungen.

    [WN]

    Sehr selten.

    Einige Zentralsterne Planetarischer Nebel besitzen sogar WN-artige Spektren.

    Ihre Entwicklung ist noch nicht vollständig verstanden.


    Seit 2009: Was hat sich geändert?


    Hier gab es einige wesentliche Fortschritte.


    1. WNh-Sterne

    Früher:

    Man hielt sie oft einfach für junge Wolf-Rayet-Sterne.

    Heute:

    Viele gelten als

    extrem massereiche O-Sterne mit Wolf-Rayet-Spektrum.

    Das Spektrum entsteht durch den extrem starken Sternwind.


    2. Sehr massereiche Sterne

    Im Sternhaufen R136 wurden Sterne gefunden, deren Anfangsmassen wahrscheinlich bei 150–250 Sonnenmassen oder darüber liegen.

    Viele besitzen WNh-Spektren.

    Sie befinden sich möglicherweise noch auf der Hauptreihe.


    3. Binäre Evolution

    Heute nimmt man an, dass ein erheblicher Anteil der Wolf-Rayet-Sterne durch Wechselwirkungen in Doppelsternsystemen entsteht.

    Massentransfer kann

    die Wasserstoffhülle entfernen,

    Wolf-Rayet-Eigenschaften erzeugen,

    die spätere Supernova beeinflussen.

    Dieser Aspekt wird heute deutlich stärker gewichtet als noch 2009.


    4. Zusammenhang mit Supernovae

    Wolf-Rayet-Sterne gelten weiterhin als wichtige Vorläufer von

    Type Ib supernova

    Type Ic supernova

    Allerdings konnten direkte Vorläufer in Voraufnahmen überraschend selten identifiziert werden. Das deutet darauf hin, dass viele Explosionen aus weniger leuchtenden, möglicherweise durch Doppelsternentwicklung entstandenen Heliumsternen hervorgehen.


    5. Zusammenhang mit Gammablitzen

    Einige WO- und WC-Sterne gelten weiterhin als mögliche Vorläufer langdauernder Gamma-ray burst, insbesondere in Umgebungen mit geringer Metallizität. Modelle wurden seit 2009 verfeinert, die grundlegende Idee besteht jedoch fort.


    Moderne Sichtweise


    Heute unterscheidet man häufiger zwischen einem Evolutionszustand und einem Spektralphänomen:

    BegriffBedeutungWolf-Rayet-Stern
    Ein evolutiv weit entwickelter massereicher Stern mit starkem Massenverlust (mit Ausnahmen wie WNh).


    Wolf-Rayet-Phänomen


    Das Auftreten charakteristischer breiter Emissionslinien durch einen dichten, schnellen Sternwind – unabhängig von der zugrunde liegenden Sternklasse.

    Diese Unterscheidung erlaubt es, klassische WR-Sterne, WNh-Sterne, Zentralsterne Planetarischer Nebel und andere Objekte mit ähnlichen Spektren unter einem gemeinsamen physikalischen Konzept zu betrachten.

    Insgesamt hat sich seit 2009 das Verständnis weniger durch eine völlig neue Klassifikation als vielmehr durch eine physikalischere Interpretation verändert: Im Mittelpunkt steht heute die Erkenntnis,

  • Und dann noch:

    Wie ordnet sich campbells hydrogen star im rahmen der wr sterne bzw des wr phänomens ein ? Inwiefern ist er bedeutend (gewesen) ?


    Campbell's Hydrogen Star nimmt unter den Wolf-Rayet-ähnlichen Sternen eine ausgesprochen interessante Sonderstellung ein. Seine Bedeutung liegt weniger darin, dass er ein „typischer“ Wolf-Rayet-Stern wäre, sondern darin, dass er die Grenzen des Wolf-Rayet-Begriffs aufgezeigt hat und bis heute ein Referenzobjekt für das Verständnis des Wolf-Rayet-Phänomens ist.


    Historischer Kontext


    Als William Wallace Campbell den Stern Ende des 19. Jahrhunderts spektroskopisch untersuchte, fiel sofort sein außergewöhnliches Emissionsspektrum auf. Besonders auffällig waren die starken Wasserstoffemissionslinien – daher der Name „Campbell's Hydrogen Star“.

    Damals waren nur wenige Wolf–Rayet star bekannt. Das Spektrum erinnerte stark an diese Sterne, passte aber nicht vollständig zu ihnen. Über Jahrzehnte blieb unklar, worum es sich eigentlich handelte.


    Warum war das rätselhaft?


    Klassische WR-Sterne zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Oberflächen fast keinen Wasserstoff mehr enthalten. Sie zeigen stattdessen die Produkte fortgeschrittener Kernfusion:

    Stickstoff (WN),

    Kohlenstoff (WC),

    Sauerstoff (WO).

    Campbell's Hydrogen Star dagegen zeigte:

    sehr starke Wasserstofflinien,

    gleichzeitig intensive Helium- und Stickstoffemissionen,

    einen extrem dichten Sternwind.

    Das passte in keines der damaligen Schemata.


    Die heutige Einordnung


    Heute weiß man, dass Campbell's Hydrogen Star kein massereicher Wolf-Rayet-Stern ist.

    Er ist der Zentralstern des planetarischen Nebels PK 64+5.1 und stammt ursprünglich von einem Stern mit wahrscheinlich nur wenigen Sonnenmassen.

    Sein Spektrum gehört jedoch eindeutig zum Wolf-Rayet-Phänomen:

    optisch dicker Sternwind,

    sehr hohe Massenverlustrate,

    breite Emissionslinien,

    He- und N-Linien wie bei WN-Sternen.

    Deshalb zählt man ihn heute zu den sehr seltenen [WN]-Zentralsternen planetarischer Nebel oder einer nah verwandten Übergangsklasse. Das eckige Klammerpaar „[ ]“ kennzeichnet, dass es sich nicht um einen klassischen massereichen WR-Stern handelt, sondern um einen Zentralstern eines planetarischen Nebels mit WR-ähnlichem Spektrum.


    Seine Bedeutung für das Wolf-Rayet-Phänomen


    Hier liegt seine eigentliche wissenschaftliche Bedeutung.

    Früher dachte man vereinfacht:

    Wolf-Rayet-Spektrum = massereicher Wolf-Rayet-Stern.

    Heute lautet die Sichtweise:

    Wolf-Rayet-Spektrum = ein physikalischer Zustand mit einem extrem dichten, schnellen Sternwind.

    Campbell's Hydrogen Star war eines der Objekte, die zu diesem Umdenken beigetragen haben.

    Er zeigte, dass praktisch dieselbe Spektralerscheinung bei Sternen auftreten kann, die evolutionär völlig verschieden sind.

    Heute kennt man WR-ähnliche Spektren beispielsweise auch bei:

    Zentralsternen planetarischer Nebel ([WC], [WO], [WN]),

    einigen sehr heißen PG 1159 star-Vorläufern,

    einigen massereichen Übergangsobjekten wie Luminous blue variable.

    Das verbindende Merkmal ist der Sternwind – nicht die Masse oder Herkunft des Sterns.


    Warum ist Campbell's Hydrogen Star bis heute interessant?


    Er gehört zu einer extrem kleinen Gruppe wasserstoffreicher [WN]-Zentralsterne. Gerade dieser Wasserstoffgehalt stellt die gängigen Modelle der Sternentwicklung vor Herausforderungen.

    Offene Fragen sind unter anderem:

    Wie verliert ein Zentralstern seine Wasserstoffhülle – und warum bleibt bei manchen noch viel Wasserstoff erhalten?

    Wie entstehen WN-ähnliche Spektren bei massearmen Sternen?

    Welche Rolle spielen späte thermische Pulse oder Wechselwirkungen in Doppelsternsystemen?

    Campbell's Hydrogen Star dient daher bis heute als Prüfstein für Modelle der späten Sternentwicklung.


    Einordnung seiner Bedeutung


    Seine Bedeutung lässt sich vielleicht so zusammenfassen:

    Historisch: eines der frühesten bekannten WR-ähnlichen Objekte außerhalb der klassischen Wolf-Rayet-Sterne.

    Klassifikatorisch: ein Schlüsselfall für die Erkenntnis, dass das Wolf-Rayet-Phänomen nicht an eine bestimmte Sternmasse gebunden ist.

    Astrophysikalisch: ein wichtiges Labor zur Untersuchung dichter Sternwinde und der Entwicklung von Zentralsternen planetarischer Nebel.

    Aktuell: eines der bekanntesten Beispiele für einen wasserstoffreichen [WN]-Zentralstern und damit ein Objekt, das weiterhin intensiv untersucht wird.

    In diesem Sinn ist Campbell's Hydrogen Star weniger ein „berühmter Wolf-Rayet-Stern“ als vielmehr ein Schlüsselobjekt für die Definition des Wolf-Rayet-Phänomens selbst: Er hat dazu beigetragen, den Begriff von einer evolutionären Sternklasse hin zu einem physikalischen Spektralphänomen zu erweitern.





  • Hallo,


    vielen Dank für eure schönen Beiträge und Fotos. Die Farbe des Objekts kann man überall prima sehen.


    Noch zum Aufsuchen im Übersichtsokular (wenn man noch klassisch visuell mit dem Dobson unterwegs ist):


    Neben seiner auffälligen orangenen Farbe strahlt der PN sehr hell im H$\beta$-Licht. Man kann einen "H$\beta$-Blink" versuchen. Ähnlich wie beim "OIII-Blink" bei gewöhnlichen stellaren PNs bewegt man dazu aber einen H$\beta$-Filter vor dem Auge am Okular hin und her (oder mit einem Filterrad). So beobachtet man das Feld also recht schnell einmal mit und einmal ohne Filter. Im Gegensatz zu den Sternen im Gesichtsfeld verliert das Objekt mit Filter nicht viel an Helligkeit, man hat den Eindruck des "Blinkens" und kann den PN eindeutig identifizieren.


    Ich habe das zuletzt nochmal mit 10" Öffnung ausprobiert. Es funktioniert nicht ganz so gut wie der OIII-Blink an anderen PNs, klappt aber.


    lg volker :hot_beverage:

    Beobachtungen mit 10" Dobson auf Selbstbau Birke-Multiplex, achromatischen Refraktoren und 20x80-Fernglas

    Eigene PC-Planetariumsoftware, Sichtbarkeitsdiagramme und Grafiken

    Edited once, last by Specht ().

  • Hallo Volker,


    sehr spannendes OdM! Vielen Dank dafür. In der Nacht vom 11. auf den 12.7.26 habe ich Campbell's Hydrogen Star auf der Schwäbischen Alb beobachtet: 25" f4, auf 760 Metern Höhe, bei fst 6,5. Die Bedingungen waren optimal: angenehme Temperatur, trockene Luft, das Seeing liess phasenweise bis 1000x zu. Ich habe es mit und ohne H beta Filter versucht. Der Filter hat den hellen Ring um den Stern etwas besser gezeigt, während er bei der Staubscheibe meines Erachtens keinen Vorteil brachte. Ich habe mich lange mit der Staubscheibe (also dem ausgedehnten Halo) beschäftigt und glaube, dass ich ein paar Strukturen festnageln konnte (die beiden dunklen Bereiche und die Ausfransungen oben und unten). Das hat aber viel Geduld erfordert.


    Viele Grüße

    Johannes


    Hier die Zeichnung:


  • Hallo zusammen,

    26.5.2020 / C8: gute Durchsicht, durchschnittliches Seeing: ein strahlender Winzling! Sehr helles Zentrum (Zentralstern!), erscheint aber „irgendwie“ etwas unscharf im Vergleich zu den etwa gleichhellen Nachbarsternen (Nebelhülle? – aber nicht sicher!), erfordert starke Vergrößerung, aber auch im 7mm-Okular kaum von einem Stern zu unterscheiden. Bei sehr gutem Seeing und noch stärkerer Vergrößerung vielleicht mit mehr Details sichtbar.


    11.7.2026 / C8: praktisch keine Unterschiede zu der Beobachtung vom 25.5.2020, "farblos"!


    in der Nacht - 11.7.26 - auch Abell 46 (in Lyr) probiert aber nicht gesehen – auch mit UHC und OIII nichts. (fst 5,8/6,0)


    Viele Grüße + CS,

    Wolfgang

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