Der Posaunenauszug – Absicht oder Fehlkonstruktion

  • Hallo zusammen.


    der zweiteilige Okularauszug an Linsenteleskopen ist meines Wissens in den späten 1950er Jahren aufgekommen und hatte in den 1960er Jahren seine Blütezeit, aber bereits in den 1970er Jahren begann aufgrund mangelhafter Ausführung schon der Niedergang dieser Bauart. Dabei handelt es sich um einen meist ca. 50mm langen Auszug mit Zahnstangenantrieb (rack & pinion), gefolgt von einem oft bis zu 250mm langen variabel verstellbaren Auszugsrohr mit Okularaufnahme am Ende.


    Es hat damals sehr viele Variationen dieser Art gegeben, wir müssen sie hier gar nicht alle ausführlich behandeln. Ich selber kenne die meisten davon auch gar nicht aus eigener Anschauung. Daher mag ich mich jetzt lediglich auf die grundsätzlichen Eigenschaften dieser Bauart am Beispiel der japanischen Edelprodukte der 1960er Jahre aus dem Hause Royal-Astro, Tokyo beschränken, denn von denen habe ich einige Exemplare hier im Haus.


    Heute wird diese Art des Okularauszugs meist als eine wackelige und ungenaue Lösung angesehen. Was aber definitiv nicht zutrifft, doch dazu kommen wir später.


    Wir sollten uns daher zunächst Gedanken darüber machen, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, eine solch aufwendige und kostenintensive Konstruktion zu bauen. Denn es wäre ja wesentlich einfacher und billiger gewesen, den jeweiligen Tubus länger zu halten und damit einen kürzeren und vor allem einen einteiligen Okularauszug ohne das zusätzliche Auszugsrohr zu bekommen.


    Nun, den Grund müssen wir bei den Okularen der damaligen Zeit suchen: Die Hersteller der damaligen Linsenteleskope mußten ihre Produkte so bauen, daß man mit allen für diese Teleskope geeigneten Okularen auch in den Fokus kommen konnte. Und das war damals oft gar nicht so einfach: Ich selber habe hier ein 9mm Ortho und ein 9mm Kellner Okular aus der Zeit um 1965. Dummerweise haben diese beiden Okulare bei gleicher Brennweite eine Fokusdifferenz von fast 70 Millimetern. Und diese beiden sind ein typisches Beispiel, solche Differenzen galten damals als normal. Um solche Extreme trotzdem abdecken zu können, wurde der sog. Posaunenauszug entwickelt. Das war zwar a) technisch aufwendig und b) teuer, aber damals die einzige Möglichkeit, eine freie Wahl der Okulare sicher zu stellen. Heute gibt es seit langem erstklassige Okulare mit (nahezu) parfokalen Eigenschaften; die heute leider nicht mehr erhältlichen Baader Genuine Orthos sind ein sehr schönes Beispiel dafür.


    Aber zurück zum Posaunenauszug und seinem schlechten Ruf.


    Die Auszüge der damaligen Teleskope waren sehr exakt gebaut und konnten mit wenig Aufwand sehr präzise justiert werden. Dazu gab und gibt es im Zahnstangenbereich der Auszüge drei um 120° verdrehte und ca. 45mm lange Kunststoffplättchen, mit denen der Auszug justiert werden kann. Hinterhältigerweise haben diese Kunststoffplättchen im Laufe der Jahrzehnte aber Weichmacher und andere Substanzen verloren und sind dadurch geschrumpft. Dieses Schrumpfen im Bereich von wenigen hundertstel Millimetern führt bei den Posaunenauszügen heute zu dem bekannten Kippeln und Wackeln.


    Die ursprüngliche Präzision und Stabilität solcher Posaunenauszüge läßt sich aber wieder restaurieren, indem wir diese Kunststoffplättchen entweder unterfüttern oder durch z.B. Tefloneinsätze komplett ersetzen. Mit einer solchen Reparatur können wir die alten und wackelig gewordenen Posaunenauszüge wieder zu ihrer ursprünglichen Präzision zurück verwandeln.


    Klar, das ist Aufwand, aber bei der extremen Qualität und Eleganz dieser Klassiker lohnt sich das aus meiner Sicht auf jeden Fall.


    Viele Grüße


    Michael

    Ein Ochs ging auf die Wiese,

    wo er nach Kräften fraß.

    Da waren Blumen, Kräuter,

    es kümmerte ihn nicht weiter.

    Für ihn war alles Gras.


    Franz Grillparzer

    Edited 3 times, last by Venusmond ().

  • Hallo Michael,


    ich denke, der Posaunenauszug stellt einen Kompromiss dar, um eine grosse Verstellmöglichkeit mit einer teuren Zahnstangenlösung zu kombinieren. Eine lange Zahnstange ist nicht notwendig, wenn man einfach grob verschieben kann, um den Rest mit der Zahnstange zu erledigen.


    Etwa so wie ein Crayford mit 30mm Verstellweg am Schmidt-Cassegrain: Die (shiftende) Spiegelfokussierung verstellt grob, und der Crayford macht nur die Feinarbeit.

    Das Prinzip ist durchaus sinnvoll, um Kosten zu sparen und dennoch eine feine Fokussierung zu ermöglichen.

    Das Probem ist nur, dass z.B. beim Towa 330 aka Tasco 10K aka Danubia ET8 und wie sie alle hiessen, die Posaune nur 24.5mm-Okulare zuliess. Und dass es beim Towa 60/900 Varianten gab, die keine Klemmschraube hatte! Da dann eine dicke klassische Spiegelreflexkamera dran und alles rutscht. Das war nicht gut durchdacht.

  • Hallo Jürgen,


    das ist richtig. Du weißt aber, daß gerade bei den Royal-Astro ein Adapter für 1⅟4" überhaupt kein Problem ist? Schau mal, über meinen Adapter haben gerade wir beide schon so oft geschrieben:




    Die alten Okulare hatten oft so große Fokusdifferenzen, daß eine 'normale' Zahnstange eben doch nicht ausgereicht hat. Deswegen das 'Posaunenrohr'.


    Viele Grüße


    Michael

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    Franz Grillparzer

  • Hi Michael,


    vignettiert das dünne Posaunenrohr nicht, auch bei f/15% Der 1.25"-Adapter hat ja immer noch diesen Flaschenhals, wo er ins Posaunenrohr eingeschraubt wird.

  • Hi Jürgen,


    nein, der Adapter hat ein nur 4mm langes Gewinde ins Posaunenrohr und sogar ein 20mm TSWA Okular mit 70° wird durch das lange 'Posaunenrohr' eben nicht vignettiert.

    Aber auch das hatten wir beide uns schon einmal geschrieben ...



    Das vignettiert weder am f/15 noch am f/17


    Viele Grüße


    Michael

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  • Hallo Michael,


    wie gross ist die Feldlinse beim 20er TSWA?


    Die Okulare liegen ja meistens hinter der Fokalebene (auch wenn es Ausnahmen gibt). Ich weiss, dass Baader mal 29mm-Feldlinsendurchmesser für das Eudiascopic 35mm angab. Also nur 2.8mm zum mechanischen Aussendurchmesser. Die Posaune beim 10K ist 31mm Innengewinde. Wenn Dein Adapter das als Aussengewinde hat, muss der Innendurchmesser kleiner sein. Mit 29mm Feldlinse bleibt da nicht mehr viel Toleranz.


    Allerdings ist Vignette bei langsamen Öffungszahlen kaum sichtbar. Das ist analog zu Fangspiegeldurchmessern - beim 114/900er ist nach Einführen einer grossen Hülse der Unterschied kaum sichtbar, da der Spiegel "langsame" f/8 hat.

  • Hallo Jürgen,


    bei Royal-Astro ist das Innengewinde der 'Posaune' M30x0,5, also ein ganz normales metrisches Feingewinde.


    Bei unserem Beispiel wäre für eine mathematische Berechnung die Länge eines Auszugsrohrs die entscheidende Größe. Das aber geht über die Öffnungswinkel. Und für ein TSWA 20mm mit 70° bleibt im Falle des R-A Auszugrohrs ausreichend 'Platz' ohne Vignettierung.


    Viele Grüße


    Michael

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  • Moin!


    > wie gross ist die Feldlinse beim 20er TSWA?


    Vom TS-WA 20 mm gab es mehrere Varianten im Laufe der Zeit. Ich habe mein Okular seit ca. 20 Jahren und es mittlerweile genau mit mehreren Teleskopen am Himmel ausgemessen, was das sGF angeht. Es sind tatsächlich 70°, wie oben geschrieben. Die Feldblende meiner Variante hat 25 mm Durchmesser.

    Bye 4 now, Micha. (lebt ohne Smartphone)


    Bresser 120/1000 R, SVBONY 105/1400 Mak, Bresser 90/500 R, SVBONY 80/1000 Mak, Solomark 80/700 R, Hetekan 70/700 R, INTEY 70/400 R, Vixen 60/700 R, Vixen 50/800 R.

    FG: TS 20x80, TASCO 12x80, Porst 9x63, Tento 10x50, Asahi-PENTAX 10x50, Sotem 7x50, Beroflex 10x40, TASCO 8x40 WA, TASCO 8x30 WA.

  • Auch Moin,

    hat mal jemand einen Okularauszug eines Unitron-Refraktors? Ich hatte 76/1200, drei davon, die hatten einen sehr kurzen Zahntrieb und das "Posaunenrohr" ungefähr 20cm lang aber im Durchmesser so dimensioniert, das keine Vignette entstand, auch nicht mit Okularen, die einen größeren Durchmesser haben als 0,96".

    Ein 30mm-Okular mit 31mm Durchmesser gehörte sogar zum Zubehör.

    Die Steckhülse war austauschbar, teilweise war auch ein weiteres Posaunenrohr zugegeben.

    Zur Zeit der Unitron-Geräte startete gerade die Spiegelreflex-Fotografie ihren "Siegeszug". Aber trotzdem konnte der Unitron-OAZ eine Spiegelreflex-Kamera halten. Notfalls legte man eine Schlauchklemme um den Federschnitt des OAZ.

    Grüße

    Dietrich

  • Hallo zusammen,


    der "Posaunenauszug" ist nicht der Flaschenhals bei dieser Konstruktion, die .965" Okularaufnahme ist es. Aus diesem Grund mußte beim Zeiss Telementor das H40mm anstelle der Okularaufnahme direkt in den OAZ eingeschraubt werden und der Telementor hat ja gar keinen "Posaunenauszug".


    Bei meinen oben gezeigten Adapter für 1¼" Okulare werden 25mm noch nicht vignettiert, weder .965" noch 1¼". Es gab ja z.B. von Tani auch 25mm Kellner Okulare in .965".


    Ein 1¼" Vixen Ploessl mit 30mm wird dagegen deutlich vignettiert und ein 40mm Kellner noch stärker, obwohl dieses Okular einen Bildkreis von nur ca. 40° hat.


    Es liegt also nicht am "Posaunenauszug".


    Viele Grüße


    Michael

    Ein Ochs ging auf die Wiese,

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    Franz Grillparzer

  • Uraltes Thema, aber immer wieder spannend. ich hatte vor vielen Jahren schon einmal hier oder auf CloudyNights meinen damaligen Towa 339 genau vermessen und herausgefunden, dass die Japaner das damals wirklich sehr gut überlegt berechnet hatten. Zeichnete man nach den genommenen Maßen den Strahlengang auf, gab es ganz genau keine Vignettierung im Fokus. Wäre der Tubus nur wenig kürzer gewesen, wäre dies eingetreten.


    Davon abgesehen brachte diese Konstruktion ja auch den Vorteil eines etwas leichteren Tubus.

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