Ferngläser - ein Erfahrungsbericht ... oder eine Ode an die Freude

  • Liebe Fernglas-Freunde,


    Helmut hat zuletzt hier eine schöne Zusammenfassung zu seinen Fernglas-/Binoerfahrungen gegeben.

    Das und die immer wieder zu lesende Aussage, dass Geradesicht-Ferngläser nur bedingt geeignet sind für die astronomische Beobachtung haben mich als Fernglas-Enthusiasten dazu bewegt, meine eigene Vita zu Ferngläsern Revue passieren zu lassen ... und ich möchte Euch daran teilhaben lassen.

    Das soll kein Ratgeber sein, aber ich will in den Zeiten immer mehr aufkommender 45°- und 90°-Einblick-Binos zumindest eine Lanze für Geradesicht-Ferngläser brechen.


    Zu meiner Vita

    Begonnen hat alles 2007 mit einem 10x50 Nikon Action Ex für gerade einmal 120 EUR. Eine sinnvolle, preiswerte Investition, mit der ich herausbekommen wollte, ob das Thema Astronomie mich langfristig fesselt. Hat es!

    Also folgten einige Teleskope und ein kurzer Ausflug in die Astrofotografie, bis ich mich 2013 zurück zu den Wurzeln und zur visuellen Astronomie besann.

    Das Fernglas als astronomisches Beobachtungsinstrument hatte zwischendurch völlig ausgedient, erlebte dann 2014 sein erstes Revival, als ich mehr als 5 Monate auf ein größeres Teleskop warten musste.

    Seitdem beobachte ich mit stetig steigender Begeisterung mit Ferngläsern mit Öffnungen zwischen 20 und 70 mm.

    Ich denke, die Begeisterung hält vor allem deshalb an, weil ich schon vieles in Teleskopen gesehen habe, das ich nun gern auch in Ferngläsern aufspüren möchte.

    Vor zwei Jahren stand ich dann am Scheideweg. Investiere ich in ein Bino mit Wechselokularen und 45/90°-Einblick oder vergrößere ich meine Palette geradsichtiger Ferngläser.

    Ich habe mich letzten Endes für die Erweiterung der Fernglasreihe entschlossen. Die Gründe gegen ein Bino waren vielfältig, angefangen bei den Investitionskosten (doppelte Okularserien), und endend bei der mitunter großen Streuung der optischen Qualität dieser Gläser (Stichwort Hochvergrößerung).

    Ich ergänze meine Ferngläser daher nach oben durch einen 3“ Refraktor und einen 12,5“ Spiegel.

    Inzwischen habe ich mit Ferngläsern verschiedenster Art rund 1.400 dokumentierte Beobachtungen gesammelt und habe trotzdem das Gefühl, noch ganz am Anfang zu stehen, soviel habe ich mit meinen Ferngläsern noch vor.



    Fernglasbeobachtungsnacht - ja, aber wie

    Im Laufe der Jahre habe ich mir viele Gedanken gemacht, wie man relativ bequem Nächte mit Ferngläsern verbringen kann.

    Für gelegentliche Beobachtungen neben dem Teleskop reicht es völlig, handgehalten oder aufgestützt mit dem FG draußen zu stehen.

    Für eine ganze Beobachtungsnacht allein mit dem Fernglas muss dieses auf ein Stativ, egal welche Vergrößerung es hat.

    Im Vergleich ist ein 8-fach vergrößerndes Fernglas auf Stativ gewinnbringender als ein 10-fach vergrößerndes Fernglas handgehalten. Belohnt wird man bei Stativnutzung mit einer deutlich höherer Detailerkennung und der Grenzgrößengewinn sichtbarer Sterne steigt um 1 bis 1.5 mag.

    Dieses Potential beim Fernglas liegen zu lassen, ist aus meiner Sicht so, wie einem guten Teleskop ein unterdimensioniertes Stativ zu verpassen.

    In den letzten Jahren habe ich so gut wie jede Stativlösung für Ferngläser ausprobiert.


    Die Bequemste - Parallelogrammmontierung


    + extrem flexibel und problemlose Zenitbeobachtung möglich

    -  aber auch die sperrigste und schwerste

    Wer viel Platz im Haus oder der Garage … und im Auto hat, greift zu dieser Lösung.



    Die meiner Ansicht nach Beste - Manfrotto Actiongrip auf Kurbelstativ


    + Beobachtung im Stehen möglich durch das Kurbelstativ

    + Beobachtung im Zenit möglich durch den Hebel des Actiongrip

    + echtes grab & go-Feeling

    -  bei größeren Ferngläsern ungünstiger Schwerpunkt bei Zenitbeobachtung



    Die Notlösungen


    - Zenitbeobachtung ist mit der eigentlich für 45°/90°-Einblick-Binos gedachten Einarmgabel nicht wirklich möglich, man schließt schnell Bekanntschaft mit dem Stativ darunter und riskiert im Winter, dass einem die Lippen daran anfrieren

    - die L-Halterung auf Bild 2 geht einigermaßen, aber man steht immer irgendwie neben dem Stativ und muss sich mit mindestens einem der Stativbeine den Platz teilen



    Unsinn


    - das sah nur gut aus, aber Geradsicht und 90° Einblick vertragen sich nicht auf der gleichen Montierung


    Auf fast allen Bildern habt ihr gesehen, dass ich einen Leuchtpunktsucher verwende.

    Der eine oder andere denkt sich jetzt sicher, dass das Fernglas ein Sucher schlechthin ist mit seinem riesigen Gesichtsfeld. Stimmt. Aber es gibt immer wieder Situationen in sternreichen Gegenden - und ganz besonders in zenitnahen Beobachtungspositionen, wo Du die betreffende Stelle nicht genau identifizieren kannst, an der Du Deine Beobachtung starten möchtest.

    Das Sternbild Drache ist ein gutes Beispiel. Der Leuchtpunktsucher hat mir bei solchen Situationen schon oft viel Frust erspart.



    Was also macht für mich Faszination der Fernglasbeobachtung aus

    + binokulares Sehen, logisch

    + reine Fernglasnächte sind sehr kurzweilig, schon allein die kurze Vorbereitung und Abbau erhöhen die Motivation, auch mal nur für eine Viertelstunde vor die Tür zu gehen

    + durch die feste Vergrößerung spart man sich viel Zeit mit dem Okularwechsel

    + dadurch ist die Zahl beobachteter Objekte in gleicher Zeit ist deutlich höher als in Teleskopen

    + man kann riesige Gesichtsfelder überschauen, ideal um den Himmel besser kennen zu lernen

    + FG liefern ein seitenrichtiges aufrechtes Bild, das einem nur ein Refraktor mit Amici-Prisma vergleichbar liefern kann

    + der gefühlte visuelle Kontakt zum Objekt ist der direkteste als bei jeder anderen Optik, weil man direkt auch in die Richtung schaut, in die man beobachtet


    Die Nachteile will ich nicht verschweigen

    - Objektzahl ist je nach Öffnungsklasse eingegrenzt

    - Beobachtungen im Zenit sind unbequem, in Zenitnähe aber nicht unmöglich

    - die Optiken können mitunter schneller beschlagen/zutauen als Teleskope (aber zur Not hat man ein Zweitfernglas im Köcher ;))



    Fernglasempfehlungen

    Ein spezielles, ganz schwieriges Thema. Ich gehöre eher zur Fraktion der Hemdsärmeligen eher praktisch veranlagten. Viele meiner Ferngläser habe ich zwar auch getestet, aber diese Tests nicht bis zum Exzess getrieben, sondern mir meine Einschätzungen zu einem Fernglas lieber nachts während des Beobachtens geholt.

    Deshalb werde ich nur einige allgemeine Empfehlungen geben. Ich denke, jedes Fernglas hat seine Berechtigung, sofern es keine totale Gurke ist.

    Beobachtern, die mit dem Fernglas den Himmel kennen lernen wollen, reicht im Grunde ein Fernglas in der Preisklasse ab 150 EUR (Porroprismen) bzw. 300 EUR (Dachkant).


    Wenn das Fernglas nur für die nächtliche Beobachtung genutzt werden soll, dann würde ich grundsätzlich ein Porroprismen-Fernglas empfehlen, weil diese bei gleicher Qualität analog zu einem Dachkant-Fernglas in der Regel deutlich preiswerter sind.

    Die kompakteren Dachant-Ferngläser machen grundsätzlich eher dann Sinn, wenn das FG auch am Tage genutzt werden soll.

    Brillenträger müssen zwingend auf den Augenabstand achten, der aus meiner Sicht ab 17-18 mm für ein entspanntes Beobachten sorgt. Nichts ist aus meiner Sicht unbefriedigender, wenn man nicht das ganze Gesichtsfeld eines Fernglases überblicken kann. Selbst ich als Nichtbrillenträger klappe bei meinen Ferngläsern die Okularmuscheln zurück oder drehe sie in Brillenträgerposition, weil ich damit dann sehr entspannt das ganze Feld überschauen kann.

    Wenn es in Richtung gehobenere Ansprüche geht, ich habe bei den Porros mit den Fujinon-Ferngläsern gute (aber nicht die besten) Erfahrungen gemacht. Auch die APM-Gläser sollen gut sein und einen größere Augenabstand haben, was insbesondere für Brillenträger von Relevanz ist. Ich selbst schwöre auf Nikon und die EII- und IF WP-Serie.


    Der Markt für Dachkant-Ferngläser ist deutlich größer und wächst ... und wächst ... und wächst. Hier gibt es inzwischen sogar Ferngläser, die qualitativ die besten Porroprismen-Ferngläser schlagen, dafür aber auch richtig viel Geld kosten.

    Wie so oft fällt die Entscheidung meist als Kompromiss zwischen Ansprüchen und Geldbeutel, persönliche Vorlieben und Abneigungen und für die Entscheidungsfindung zum richtigen Fernglas gibt es hier ja jede Menge anderer Threads.


    Wichtig auf jeden Fall, Durchschauen, Durchschauen, Durchschauen und sich nicht all zu sehr von den technischen Details kirre machen lassen. Der persönliche Durchblick am Ende ist entscheidend.



    Zusammenfassung meiner persönlichen Erfahrungen und Vorlieben

    Ein Fernglas gehört auf ein Stativ! Ich beobachte selbst mit meinen 8-fach vergrößernden Ferngläsern stativgestützt.


    Vergrößerung ist für mich mehr wert als Öffnung,

    Hand in Hand mit der eben gemachten Vergrößerungs-Aussage geht, dass weniger Austrittspupille (AP) für fast alle Situationen mehr wert ist als die sogenannten viel gepriesenen Astro-Ferngläser mit 7 mm AP.

    Der Augenöffner schlechthin hier war für mich vor Jahren der Vergleich von NGC 7000 und anderen großflächigen Nebeln mit einem 10x70 Fujinon und einem 16x70 Fujinon unter gutem Landhimmel. Die Nebel wirkten im 10x70 FG flau mit wenigen Strukturen und hoben sich kaum vom Hintergrund ab, während die Kontrastleistung des 16x70 die Nebelregionen viel deutlicher und strukturierter machte.

    Gleiche bzw. ähnliche Erfahrungen habe ich auch bei anderen Objektklassen gemacht.


    Ferngläser sind besonders geeignet für Offene Sternhaufen (eigentlich bin ich durch Ferngläser erst zum Sternhaufenliebhaber geworden), aber auch bei vielen Galaxien kann der Einsatz eines Fernglases lohnend sein.

    Interessierte für Doppelsterne kommen mit Ferngläsern auch voll auf Ihre Kosten. Mein Freund Robert hat eigens dafür eine eigene Rubrik in seinem VdS-Projekt Doppelsterne geschaffen.

    Viele der helleren Planetarischen Nebel sind auch lohnende Objekte, viele sind dann allerdings nur noch stellar. Manche Dunkelnebel erschließen sich auch nur oder besonders in Ferngläsern.

    Bei Galaktischen Emissionsnebeln scheiden sich die Geister. Ich kenne Sternfreunde wie Jiri und Christopher, die sich auf diese Objektklasse spezialisiert und einige beachtenswerte Beobachtungserfolge erzielt haben. Ohne diese Spezialisierung und den damit verbundenen enormen Aufwand bleiben aber nicht viele beobachtenswerte Nebel bzw. der Frustfaktor ist hier bei mir in Vergangenheit recht hoch gewesen, auch wenn die Filtervergleiche an den helleren Nebeln nicht uninteressant waren.


    Es gibt Strukturen am Nachthimmel, die lassen sich nur mit Ferngläsern erschließen. Mein 8x30-Fernglas hat zum Beispiel ein Gesichtsfeld von 8,8°, in das beispielsweise die drei Auriga-Sternhaufen M 36, M 37 und M 38 passen oder Melotte 20 im Sternbild Perseus in seiner ganzen Pracht incl. Umfeld beobachten.


    Beobachtungsprojekte können die Motivation für die Fernglasbeobachtung enorm steigern. Dabei habe ich vor allem auch Beobachtungen am Rande der Sichtbarkeit sehr schätzen gelernt.



    Fazit: Ferngläser machen viel, viel, viel Freude!


    Hier noch einige Links zu Fernglasbeobachtungsberichten von mir:

    Mit dem Fernglas im Grenzgebiet

    Spur der Sterne

    Auch 18x70 können begeistern

    Kleines Glas mit großer Wirkung

    Haufenweise ins Glück


    Links zu interessanten Fernglas-Projekten, an denen ich beteiligt bin:

    FdN - Messier im Fernglas

    VdS - Doppelsterne für Ferngläser

    VdS - Deep Sky mit dem Fernglas


    Viele Grüße und ran ans Fernglas

    Rene

  • Hallo Rene,


    vielen Dank für deinen sehr gelungenen Überblick, deine Ratschläge und Einschätzungen. Das deckt sich sehr stark mit meiner Sicht auf Ferngläser, der Nutzen höherer Vergrößerung gegenüber maximaler Austrittspupille, der Genuß und Gewinn beim Beobachten von Dunkelnebeln und dunklen Bereichen, der Spaß große Gesichtsfelder zu überblicken und auch dass Stative eigentlich ein Muss sind.


    Den Drachen werde ich mir auf deine Bemerkung hin anschauen, Peilsucher funktionieren für mich nur weit ab vom Zenit. Leider gibt es meines Wissens keine Ferngläser mit komfortablen 90 Grad Einblick im Bereich kleiner Vergrößerungen , gearde zenitnah ist der Himmel schön dunkel, ich denke da an den Schwan mit Sternhaufen und interessanten Konstellationen. Da werde ich wohl mal deine Lösung mit Kurbel und Manfrotto Griff ins Auge fassen.



    beste Grüße


    Thomas

  • hallo Rene ,

    schön beschrieben ! Kann ich auch gut nachvollziehen,

    hatte letztes Jahr auch meine besten Abenden mit dem Fernglas verbracht.

    man bräuchte nun noch so eine Art BafK für Ferngläser… :/ :whistling: :saint: 8o

    vG Alex

  • Hallo Rene,


    danke für dem schönen Beitrag. Ich guck auch gerne mal mit dem Fernglas.


    Ergänzend hier noch ein Photo von meiner Montierungslösung für mein Fujinon 10x50 FMT-SX, ein selbstgebastelter Hebelarm mit Bleigewichten, der je nach Neigung durch Ausfahren nach waaģrecht vorne das FG immer schön im Gleichgewicht hält, steht inzwischen auf einem stabileren Cullmann 2904-Stativ. Für ganz schnell verwende ich auch gerne ein Einbeinstatif, an das ich die "Montierung" auch anbringen kann.


    Für Urlaubsreisen nehm ich das leichtere und billigere Fernglas Minolta Activa 10 x 50 W mit.



    penelope1.JPG


    Mit schönen Grüßen, Stephan

  • Hallo Rene,


    ein sehr schöner Erfahrungsbericht, dem eigentlich kaum noch etwas hinzuzufügen ist.


    Auch wenn wir hier alle das beidäugige Sehen sehr geniessen ist die Nutzung der Ferngläser dann doch wieder sehr individuell.


    Ich zum Beispiel komme mit Parallelogrammmontierungen gar nicht zurecht.

    Ich fand sie immer groß, ausladend, unhandlich und wackelig.

    Dazu die benötigten schweren Gegengewichte, die sich ja auch nicht gerade positiv auf das Ausschwingverhalten auswirken :)

    Und ich hatte immer Angst mir irgendwann im Dunkeln doch mal übelst die Finger einzuklemmen...


    Für mich waren geradsichtige Ferngläser von 70 mit 100mm Öffnung am besten auf einem Stativ mit Kurbelsäule und kleinem Fluidhead aufgehoben, sowohl für sitzende als auch für stehende Beobachtung.

    Für Beobachtungen im oder nahe dem Zenit habe ich das Stativ über 2 Beine zu meinem Körper hin gekippt, das war bei den Vergrößerungen bis maximal 25x immer noch ausreichend stabil.


    Ich habe immer mal wieder gelesen, dass geradesichtige Gläser mehr Licht durchlassen sollen als welche mit 45° oder 90° Einblick, weil die Prismen weniger Reflexionen haben.

    Ob das tatsächlich stimmt und messbar ist kann ich nicht sagen, aber ich kann mich gut erinnern, als ich von meinem 125mm Borg Binoscope übergangsweise auf das APM 25x100 ED umgestiegen bin.

    Ich war total überrascht wie nah das 100er am 125er (bei gleicher Vergrößerung) dran war, bei offenen Sternhaufen z.B. war der Unterschied nach meiner Erinnerung nur minimal.


    Grüße Jochen

    Questar 3.5" - Leica Ultravid 8x20 - Canon 15x50 IS - APM 150mm SD

  • Hallo in die Fernglasguckerrunde,


    schönes Plädoyer für die Fernglasbeobachtung, die Du da geschrieben hast, lieber Rene. Bei mir hat das Fernglasfieber 1965 angefangen – mit einem Noctovist 8 x 30 von Ruhnke Rathenow, das meine Eltern und ich eines Abends im Schaufenster eines bereits geschlossenen Dorf-Fotoladens gesehen hatten. Mein Vater ist dann am Folgetag mit dem Bus dorthin gefahren (wir hatten kein Auto) und hat es für 156 Ostmark geholt. Es war das einzige Exemplar, das der Laden seit Jahren bekommen hatte. DDR-Mangelwirtschaft sagen wir heute dazu, damals war das für uns normal …

    Innerhalb des folgenden halben Jahrhunderts hat das Noctovist viele (schönere) Geschwister bei mir bekommen. Einige benutze ich regelmäßig, vor allem das Canon 10x42 IS WP, für das man dank Bildstabilisierung kein Stativ braucht und mein optisch bestes Glas, das Nikon 8x32 EGD. Aber auch die anderen dürfen in größeren Abständen mal an die Luft und können sich dann miteinander messen. Gewisse Seheindrücke müssen immer wieder aufgefrischt werden, damit man sie nicht vergisst.


    So genial einfach die Fernglasbeobachtung auch ist, es gibt zwei Dinge, die mich von Anfang an gestört haben: die Geradsichtigkeit und das unvermeidbare Gezitter, wenn man kein Stativ verwendet. Als junger Kerl hab ich es ja noch irgendwie geschafft, beim steilen Blick nach oben die Augen einigermaßen vernünftig hinter die Okulare zu bekommen. Aber mit zunehmendem Alter und stärker werdender Minusbrille, die irgendwann unerlässlich wurde, um ein scharfes Bild zu haben, wurde das immer schwerer. Hinzu kommt, dass mir das bildstabilisierte Canonglas eindrucksvoll gezeigt hat, wie viel an Wahrnehmung man beim freihändigen Beobachten (mit nicht stabilisierten Gläsern) verschenkt.

    Also klar, es muss ein Stativ drunter. Aber das ist nur bis etwa 30 Grad Höhe komfortabel, danach wird‘s anstrengend, vor allem, wenn man mit großen Schritten auf die 70 zugeht und sich nie so recht für sportlich-akrobatische Kompensationsübungen begeistern konnte. Irgendwie musste sich die 90-Grad-Abwinkelung, die am Teleskop so einfach ist, doch auch für geradsichtige Ferngläser verwirklichen lassen. Um es abzukürzen: Ich hab mir einen Fernglaszenitspiegel gebaut. (Hier beschrieben: Endlich gebaut: Zenitspiegel für Ferngläser) Und der hat meine Beobachtungsfreude mit diesen binokularen Miniteleskopen enorm gesteigert. Alles, was dazu gehört, passt in einen kleinen Alukoffer. Im Feld ist der Spiegel in 5 Minuten auf dem Stativ montiert. Das Fernglas noch drauf, und schon kann es losgehen.



    Einziger Haken, der Spiegel zeigt gnadenlos die kleinen Schwächen und Macken der Gläser, die ja primär für den freihändigen Gebrauch konzipiert sind. Dafür laufen Premiumgläser wie meine oben genannten Favoriten zu Höchstform auf. Es ist wirklich frappierend, wieviel Detail ein im astronomischen Sinn winziges 8x32 zeigen kann. Das war auch für mich – nach fünf Jahrzehnten als Beobachter – eine völlig neue Erfahrung.


    CS, Jörg

  • Sehr schöner Beitrag René!


    Die Photos sind ja fast schon Werbephotos ;)


    Einen großen, wenngleich sicher selbstverständlichen Vorteil von Ferngläsern, hast Du dabei gar nicht mal direkt benannt: Ein FG ist natürlich ultratransportabel und kann +/- immer dabei sein.

    Zumindest wenn man nicht schon mit größerem Gerät alles im Gepäck voll hat ;) So kann ganz spontan im Rahmen einer mehrtägigen Bergwanderung mal eine unverhoffte geniale Astrosession bei herauskommen... Oder ganz geplant in fiesem Terrain wo nur leichtes Gepäck geht... das Fernglas tolle Nächte ermöglichen.


    Meine ersten eindrücklichen astronomischen Beobachtungen gingen auch erst mit einem Fernglas los.


    Und solange die Augen es zulassen und keine allzugroßen Probleme bestehen, finde ich, sollte jeder ein mehr oder minder gutes Fernglas impetto haben, das weitet den Horizont im Hobby in vielerlei Hinsicht. So habe ich auch großen Spaß dran, Flugzeuge an diversen Himmelsobjekten entlangfliegend zu beobachten. Oder die vor dem Mond vorüberziehenden Wolken. Die über fernem Geäst/ Gebirge aufgehenden Plejaden, Planeten, Kometen etc..


    Vielleicht als Ergänzung noch zur Fernglaswahl und Thematik der Austrittspupille:


    Wichtig ist für mich v.a. die Wahl der Austrittspupille, da ich bei einer AP >4 sehr deutliche Schärfeeinbußen habe aber ohne Brille gucken möchte. Gerade wenn man etwas mehr Geld in die Hand nimmt, möchte man ja aber eine scharfe Abbildung haben. Wenn der augeneigene Astigmatismus das verhindert, gilt es schon genau zu überlegen, ob es ein Highend-Glas sein muss, oder gleich die untere Mittelklasse sein kann, oder ob überhaupt ein FG Sinn macht.


    Und ich kann unterstreichen, dass manche Objekte ihre größte Schönheit erst im Fernglas entfalten und ich kann hier nur nochmal schwärmend NGC 457, den Eulenhaufen in Deinem 18x70 als Beispiel anführen, ein Traum.


    Schöne Grüße

    Norman

  • Hallo zusammen,


    vielen Dank für Eure netten Rückmeldungen.

    Ihr wisst ja, fragt zehn Sternfreunde um Rat, dann erhaltet ihr zehn unterschiedliche Ratschläge je nach Vorlieben der Einzelnen.

    Das Fernglasthema ist auch ein weeeeeiiiiiiiiiiiiites Feld, an dem sich viele Geister scheiden und mitunter Gemüter erhitzen können.


    Zumindest ticken wir beide Thomas sehr ähnlich, freut mich sehr. Deswegen haben wir beim HTT vermutlich auch auf Anhieb immer das gemeinsame Verständnis beim Beobachten. ... obwohl, bei Deinem 6"-Bino .. .wer da nicht Ahhh und Ohh ruft während des Durchschauens ;)


    ...man bräuchte nun noch so eine Art BafK für Ferngläser… :/ :whistling: :saint: 8o

    Alex, den BAfK für Ferngläser gibt es ja bald. Wenn mir die Autoren Lambert und Frank des Big Binoscout nicht böse sind mit dem Vergleich. Ich glaube, er wird gerade gedruckt und im November startet der Versand.


    Stephan und Jörg, super die Montierungsergänzungen.

    Ein Einbeinstativ habe ich noch nie probiert, wollte es aber immer schonmal mit dem Dreibein vergleichen.

    Der Zenitspiegel sieht ja hochprofessionell aus Jörg, ich habe heute gleich auch mal Deinen Selbstbau-Thread dazu gelesen. Ich wünschte, ich hätte nur 10% von Deiner Begabung. Den Hang zur Perfektion habe ich auch ... und genau aus dem Grund baue ich so gut wie nichts selbst :S ;)


    Eine Frage zu dem Spiegel habe ich. Wie weit runter zum Horizont kannst Du damit beobachten? Im Zenit wird das seitenverkehrte auf dem Kopf stehende Bild nicht weiter stören, aber Richtung Horizont geht dann vermutlich wieder das große Umdenken los, oder?


    Das Nikon EDG hatte ich auch mal im Visier, bin dann aber bei den Porros von Nikon hängen geblieben.


    Ach und Jörg, extrem krasse Vita, vor den ich nur ehrfurchtsvoll auf die Knie fallen kann. Deinen Vater hätte ich mir gewünscht, allerdings ein bisschen später, bin ja erst 1969 geboren. Geld hatten wir gefühlt wie Heu in der DDR, nur ausgeben konnte man es nicht. Erstaunlich, dass das Fernglas einen Tag im Laden im Schaufenster überstanden hat 8)


    Jochen, ein Lob aus berufenem Munde, besten Dank. Du hast ja auch schon eine Menge durch und könntest sicherlich einen ganzen Roman schreiben.

    Die Parallelogramm-Montierung, die ich hatte, war sehr stabil. Aber das Sperrige hat mich nach zwei oder drei Beobachtungsnächten auch zur Weißglut getrieben.

    Ansonsten konnte man mit dem Teil wunderschön beobachten, wenn alles in der Waage war.

    Zuletzt durfte ich bei einem Freund auch mal mit einem 16x70 auf Fluidhead beobachten. Das war sehr angenehm, butterweiche Nachführung. Der Manfrotto Actiongrip ist da etwas ruppiger, hat aber seine Vorteile in Zenitnähe durch den großen Abstand zum Stativ.


    Viele Grüße


    Rene

  • Grüß Dich Norman,


    hoppla, die Nachricht kam rein, als ich gerade an der anderen Antwort geschrieben habe. Besten Dank!


    Und noch mehr Argumente pro Fernglas. Fantastisch!


    Mit dem Zwang zu Ferngläsern mit kleinerer AP bist Du sicher nicht unzufrieden ^^. Eine rhetorische Frage, ich weiß. Geht ja nicht anders.

    Und ich kann unterstreichen, dass manche Objekte ihre größte Schönheit erst im Fernglas entfalten und ich kann hier nur nochmal schwärmend NGC 457, den Eulenhaufen in Deinem 18x70 als Beispiel anführen, ein Traum.

    Ja, das war in der Nacht auch für mich ein Augenöffner.


    Beste Grüße


    Rene

  • Hallo Rene,

    Eine Frage zu dem Spiegel habe ich. Wie weit runter zum Horizont kannst Du damit beobachten?

    Wenn es der Unterbau hergibt, bis zum Horizont. Dann geht der Einblick allerdings senkrecht nach unten. In der Praxis nehme ich aber einfach den Spiegel vor dem Fernglas weg. Er ist ganz schnell demontiert, nur werkzeugfrei zwei große M8-Rändelmuttern lösen, den mit der CFK-Abedeckung geschützten Spiegel runternehmen und geradsichtig weiterbeobachten. Den Lasersucher braucht man dann nicht mehr, aber für die seitenverkehrte 90-Grad-Variante ist er extrem nützlich. Man muss nicht durchschauen oder darüber peilen, sondern nur beim Ausrichten den Lasertaster drücken.

    Erstaunlich, dass das Fernglas einen Tag im Laden im Schaufenster überstanden hat 8)

    Ganz einfach: Abends nach Ladenschluss gesehen, und am andern Tag zur Ladenöffnung da gewesen. Wenn man als Ossi was haben wollte, musste man Prioritäten setzen. Und ja, ich hatte Glück mit meinem Papa. Als ich geboren wurde, war er schon 49. Und die Anregung mit der Astronomie kam von ihm.


    CS, Jörg

  • Quote

    Ein Einbeinstativ habe ich noch nie probiert, wollte es aber immer schonmal mit dem Dreibein vergleichen.

    Hallo Rene,


    zur Information, weil ich ein Einbeinstativ für schnelle FG-Beobachtung tatsächlich manchmal für sinnvoll hatte, lässt sich sehr hoch ausziehen, in alle Richtungen kippen und steht trotzdem ziemlich ruhig.


    Ich hab folgende Kombiation (unter meiner Hebelarm-Bastellösung):

    COMAN Einbeinstativ DK-287A Alu Monopod Max 1,76m Packmaß 48cm max 10kg Max. Höhe: 1,76m / Gewicht: 430g Max. Belastung: 10kg / Transportlänge: 48cm, 29.90 € bei amazon

    MENGS FS-02 1/4" Mini Multifunktions Stativkopf Panorama Kugelkopf, 15.49 € bei amazon

    Schnellwechselplatte, BDDFOTO Schnellwechselplatte Schnellspanner Montageplattform Klemm für Giottos MH630 Kameramontage, 13.59 € bei amazon

    bin so zufrieden damit , mit schönen Grüßen


  • Hallo Stephan,


    vielen Dank für den Tipp zum Einbeinstativ. Das ist ja echt preiswert. Das kann ich mir ans Fahrrad klemmen. Falls ich nicht noch etwas mit geringerer Transportlänge finde, kaufe ich mir das.

    Mit Schnellwechselplatten habe ich auch gute Erfahrungen gemacht und bin durch den Manfrotto Actiongrip an das Manfrotto-System gebunden. Mit drei unterschiedlichen Fernglasadaptern aber eine schöne Lösung zum Schnellwechseln des Fernglases.


    Im schwarzen Forum konnte sich ein Sternfreund nicht so richtig vorstellen, warum man bei zenitnahen Beobachtungen mit dem Actiongrip mit dem Körper nicht ans Stativ stößt. Ich stelle deshalb hier auch mal das Foto mit ein:

    Das Kinn ist weit weg von allem (keine Anfriergefahr am Stativ), der Körper passt schön zwischen zwei Stativbeine.


    Beste Grüße


    Rene

  • Das hab ich auch sofort gedacht, als ich das Bild sah, Norman.

    Auf jeden Fall bist Du zu beneiden, Rene, dass das bei Dir (noch) so gut geht. Ich bin kürzlich mal eine Stunde auf dem Mountainbike meines Sohnes gefahren: Der Hintern wegen der Beinlänge sehr weit oben, der Kopf gefühlt viel zu tief. Wenn ich was durch meine Brille sehen wollte (was bei -8 dpt. im Straßenverkehr überlebenswichtig ist), musste ich den Kopf fast zenitblickweit in den Nacken legen. – Hat drei Tage gedauert, bis der Schmerz weg war.

    Was ich damit sagen will: Irgendwie geht natürlich alles, aber die Frage ist, wie lange man das durchhält und wieviel Wahrnehmung bei solcher Haltung noch übrig bleibt. Mit etlichen Jahren Beobachtungserfahrung würde ich sagen, nicht viel. Da ist eine Kombi aus Liegestuhl und niedrig aufgestelltem Parallelogramm doch wesentlich entspannter. (Ich will euch nicht schon wieder mit meinem Zenitspiegel nerven.) Selbst freihändig ist der Liegestuhl besser. Vor allem, wenn man so ein modernes Luxusding hat, in dem man nur durch Gewichtsverlagerung die Neigung verändern kann. Klar, statt des Nackens tun hier irgendwann die Arme weh, besonders wenn man mit einem 70mm-Glas beobachtet. Na ja, perfekt wäre wahrscheinlich nur eine Art Zahnarzt-Behandlungsstuhl mit fest montiertem Fernglas und Joystick-Steuerung in Azimut und Höhe. Aber den einigermaßen solide zu bauen, wäre doch sehr zeit- und kostenaufwendig. Da bekommt man bestimmt für weniger Geld ein gutes 90-Grad-Bino mit Kurbelsäulenstativ. In der 70/82mm-Klasse ist das noch so leicht, dass man es in einem Stück nach draußen tragen bzw. demontiert mit dem Fahrrad transportieren kann.


    CS, Jörg

  • Nee Norman, maximal Rücken :D

    Das hab ich auch sofort gedacht, als ich das Bild sah, Norman.

    Auf jeden Fall bist Du zu beneiden, Rene, dass das bei Dir (noch) so gut geht. Ich bin kürzlich mal eine Stunde auf dem Mountainbike meines Sohnes gefahren: Der Hintern wegen der Beinlänge sehr weit oben, der Kopf gefühlt viel zu tief. Wenn ich was durch meine Brille sehen wollte (was bei -8 dpt. im Straßenverkehr überlebenswichtig ist), musste ich den Kopf fast zenitblickweit in den Nacken legen. – Hat drei Tage gedauert, bis der Schmerz weg war.

    Armer Jörg, das kenne ich. Ging mir auch so, als ich das erste Mal auf dem MTB saß, das ich mir im Sommer zugelegt habe. Aber mit ein wenig Übung geht alles. Jetzt knalle ich mit dem Rad über Stock und Stein und danach ... keine Schmerzen.

    Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste und habe (leider) einen leichten Rundrücken. Die müssen beim Zahnarztstuhl immer extra die Kopfstütze wegen mir verstellen. Aber vermutlich habe ich Beobachtungen in der Stellung wie auf dem Bild schon so oft gemacht, dass Nackenschmerzen kein Thema mehr sind bei mir. Wahrnehmungsverlust erst recht nicht.

    Norman, M 76 mit dem 8x20 war voll Zenit, dann aber wirklich nicht mehr sehr angenehm.


    Jörg, vielleicht hilft ja regelmäßig MTB oder Rennrad fahren, die Nackenmuskulatur für die Fernglasbeobachtung zu stärken ;) 8).


    best entspannte Grüße


    Rene


    PS: Achso Stephan, ich habe ein Einbeinstativ von Walimex gefunden. Noch leichter, etwas kleineres Verpackungsmaß und auch bis auf 171 cm ausziehbar. Und für 19,95 EUR eine Probe wert. Wenn es Schrott ist, kommt Deine Empfehlung dran.

  • Hallo René,


    Mein Nacken weigert sich da auch... Schön, wenn das bei Dir geht. Die Begeisterung kommt jedenfalls gut rüber!

    (Äh, ich meinte jetzt nicht das Foto, sondern den ersten Text)


    Die ultimative Lösung ist für mich immer noch die hier: http://waynesthisandthat.com/voyager.htm


    Jörg, sowas meintest Du, oder...?


    Viele Grüße, Holger

  • Hallo Holger,


    genau sowas meine ich: eine demilitarisierte Variante des FLAK-Prinzips. Allerdings müsste die schon sehr stabil gebaut werden, damit nicht jede kleine Bewegung des darin sitzenden Beobachters das Bild erschüttert. Das ist wahrscheinlich wirklich nur etwas für Übersichtsvergrößerungen. Bei Planeten kann ich mir nicht vorstellen, dass man damit glücklich wird.


    Natürlich haben solche Konstruktionen für die meisten von uns etwas Faszinierendes. Aber ehrlich, wenn sie in der Praxis tatsächlich so gut wären, gäbe es viel mehr Realisierungen. Stabilität setzt nun mal Masse voraus, und die können wir leider für transportable Lösungen gar nicht gebrauchen. Ich denke, ein realistisches Projekt dieser Art wäre ein bequemer sesselartiger Stuhl wie in dem von Dir verlinkten Projekt, vor den ein kleineres 45-Grad-Bino arretiert werden kann. Die 45 Grad übrigens, damit man den Sitz für Zenitbeobachtungen nur 45 Grad nach hinten neigen muss. Bei 20x bis 30x würde man das sicher noch hinreichend stabil bauen können. Aber größere Teleskope müssten zwingend vom Sitz des Beobachters entkoppelt werden.


    Hallo Rene,


    das regelmäßige Radfahren nehme ich mir seit 20 Jahren immer wieder vor. Leider ohne Erfolg. Bin ein Sportmuffel, und das ändert sich wohl auch nicht mehr.


    Sag mal, wie lange hältst Du den im Bild gezeigten Blick steil nach oben aus? Ich frage, weil astronomische Wahrnehmung ja viel mit dem Sammeln von Bildinformationen zu tun hat. Unser Hirn funktioniert da fast nach dem lucky-imaging-Prinzip: Erst in der Verarbeitung vieler flüchtiger Eindrücke entsteht ein bleibender Gesamteindruck. Das mag bei der visuellen Planetenbeobachtung noch stärker ausgeprägt sein, funktioniert aber bei lichtschwachen Objekten ganz ähnlich. Im Alltag, bei genügend Licht und der 1x-Vergrößerung unserer Augen läuft die neuronale Bildverarbeitung schnell und unauffällig ab. Nachts, im Grenzbereich der Wahrnehmung, braucht unser „Zentralrechner“ aber mehr Zeit und Power für diese Aufgabe. Deshalb sollten wir – um im Computerbild zu bleiben – unnötige andere Programme schließen. Für mich heißt das, möglichst im Sitzen und in entspannter Haltung zu beobachten. So vermeide ich, dass der Gleichgewichtssinn arbeiten muss, um die Austrittspupille nicht zu verlieren. Und es gibt auch keine „Fehlermeldungen“ von der Nackenmuskulatur.


    CS, Jörg

  • Hallo Holger,


    danke für da Link, ich meine es gibt sogar ein Video, das den Besitzer in seinem motorisierten Bino zeigt, habe es aber auf die schnelle nicht finden können. Eine typisch amerikanisch Lösung mit dem Anhänger für das Teleskop...


    Ich frage mich ob das Bild seitenrichtig ist, vor allem weil direkt unter den Okularen ein 7x50 Fernglas als Sucher dient. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass die meisten Binos auf Newton Basis spigelverkehrte Bilder liefern, weil meist drei Reflektionen involviert sind.


    beste Grüße


    Thomas

  • Hallo René,


    Mein Nacken weigert sich da auch... Schön, wenn das bei Dir geht. Die Begeisterung kommt jedenfalls gut rüber!

    (Äh, ich meinte jetzt nicht das Foto, sondern den ersten Text)

    Danke, danke Holger, genau das sollte es.

    Hallo Rene,


    ...Sag mal, wie lange hältst Du den im Bild gezeigten Blick steil nach oben aus? Ich frage, weil astronomische Wahrnehmung ja viel mit dem Sammeln von Bildinformationen zu tun hat. Unser Hirn funktioniert da fast nach dem lucky-imaging-Prinzip: Erst in der Verarbeitung vieler flüchtiger Eindrücke entsteht ein bleibender Gesamteindruck. Das mag bei der visuellen Planetenbeobachtung noch stärker ausgeprägt sein, funktioniert aber bei lichtschwachen Objekten ganz ähnlich. Im Alltag, bei genügend Licht und der 1x-Vergrößerung unserer Augen läuft die neuronale Bildverarbeitung schnell und unauffällig ab. Nachts, im Grenzbereich der Wahrnehmung, braucht unser „Zentralrechner“ aber mehr Zeit und Power für diese Aufgabe. Deshalb sollten wir – um im Computerbild zu bleiben – unnötige andere Programme schließen. Für mich heißt das, möglichst im Sitzen und in entspannter Haltung zu beobachten. So vermeide ich, dass der Gleichgewichtssinn arbeiten muss, um die Austrittspupille nicht zu verlieren. Und es gibt auch keine „Fehlermeldungen“ von der Nackenmuskulatur.

    Hallo Jörg,

    Ich habe zwar einen der genialen Astrostühle von Berlebach, den nutze ich aber nur noch für den 12,5"er. Mit dem Rest wird im Stehen beobachtet, auch mit dem Refraktor. Dank Kurbelsäule kein Problem und ich finde es komfortabler als im Sitzen.

    Im Sitzen ermüdet mein Rücken schneller (früher zumindest, jetzt wäre ich vielleicht auch da ausdauernder). Und dann geht es mir wie von Dir beschrieben, ein schmerzender Rücken und/oder Übermüdung ziehen nur unnötig Ressourcen. Fehlermeldungen zur Nackenmuskulatur habe ich irgendwie keine in meinem Speicher gefunden. Die Beobachtungshaltung in einer Nacht ist eher vielseitig (horizont- und zenitnahe Beobachtungen) ... und ich habe ja auch einen Notenständer mit Sternatlas neben mir, auf den ich ziemlich oft drauf schaue, da ich viel probiere und auf alles, was halbwegs machbar scheint, drauf halte mit meinen Ferngläsern.

    Beste Grüße

    Rene

  • Ein Einbeinstativ habe ich noch nie probiert, wollte es aber immer schonmal mit dem Dreibein vergleichen.

    Ich hatte vor einigen Jahren mal mit Einbeinstativen experimentiert, damals war ich mit 70 und 80mm Ferngläsern unterwegs und suchte eine praktikable Lösung

    Allerdings fand ich es nicht zielführend, es hat einfach zu viele Freiheitsgrade um das Bildzittern erfolgreich einzudämmen.

    Gleichzeitig nimmt es einem die Bewegungsfreiheit am Himmel praktisch genau so stark wie ein Dreibein.

    Ich habe nach einigen Versuchen wieder aufgegeben und kehrte zu den Dreibeinern zurück., die ich aber auch gerne als Zweibeiner nutze, mein Körper ist dann das dritte, stabilisierende Element was z.B. mit dem 25x100 sehr gut funktioniert hat.


    Gerade kürzlich habe ich mir aber wieder ein gebrauchtes Gitzo Einbeinstativ gekauft, dieses mal aber zur Verwendung mit dem stabilisierten Canon 15x50 IS

    Im Prinzip hat es dabei 2 Funktionen, einmal das doch recht hohe Gewicht des Canon zu eliminieren, was natürlich hervorragend klappt.

    Auch wird das Bild dadurch nochmals stabiler als komplett freihändig, natürlich auch weil es keinerlei Ermüdungserscheinungen gibt.


    Zum Anderen setze ich mein Canon ja auch gerne mit den 1.6x Boostern als 24x50 IS ein und hier zeigt sich die Verwendung des Einbeins darunter dann als wirklich sehr hilfreich, die Bilder sind bei 24x deutlich stabiler als ohne Einbein.


    Natürlich hat man auch da den eingeschränkten Bewegungsfreiheit am Himmel, man muss das Einbein immer in der Länge anpassen.

    Aber das ist nur eine Frage der Beobachtungsplanung, freies Milchstrassenwandern geht so natürlich nur noch eingeschränkt...


    In Verbindung mit dem Canon IS möchte ich das Einbein inzwischen jedenfalls nicht mehr missen, auch wenn ich nach wie vor mehr freihändig als mit Einbein beobachte.


    Grüße Jochen

    Questar 3.5" - Leica Ultravid 8x20 - Canon 15x50 IS - APM 150mm SD

  • Uui Rene,


    Da hast Du ja mal ein Standardwerk verfasst. Das ist sicher sehr anregend vor allem für erfahrene Astrobeobachter, die Fernglasbeobachtung etwas ernsthafter in Betracht zu ziehen, als bisher. Bei mir zum Beispiel läuft das ja eher unter: Kurz zur Entspannung, frei Hand, bei einer Telskop Beobachtungspause.


    Maximal habe ich ein sher zittriges, biegsames und überhaupt nicht Zenit-taugliches altes, klassisches Alu Fotostativ als Hilfe und ein Gewinde-Adapter-chen. Das sind Deine "Notlösungen" und gar "Unsinn" noch ICS-Class Rockerboxen dagegen.


    Statt in ein x-tes Televue zu investieren, sollte ich wohl meinen Blick in Richtung gescheits Stativ und Neigekopf samt Prismen Adapter lenken!


    Vielen Dank für diese Arbeit und auch den Kommentatoren, die das Ganze ja sehr bereichert haben :) !


    CS,

    Walter

  • Variante des FLAK-Prinzips.

    Wenn man im Astrotreff weit genug zurückblättert , findet man die Berichte eines 10 Zoll Binoerbauers, der so etwas mit einem ausrangiertem Zahnarztstuhl auf einem PKW Anhänger realisiert hat.

    Ich weiß aber leider nicht mal mehr den Usernamen.

    Ist dann aber genau das Gegenteil von Renes kleinem Astrobesteck.

    Gruß, Jörg!

  • Ich habe auch lange von solch einem Bino geträumt, in dem man praktisch während der Beobachtung sitzen kann.

    Inzwischen denke ich, dass so etwas in der Praxis nicht wirklich tauglich wäre und möglicherweise ist das auch der Grund, weshalb es so wenige umgesetzt haben.


    Meiner Meinung nach sind Schwingungen in so einem "Stuhl" sehr problematisch und kaum in den Griff zu bekommen.

    Schon der Herzschlag und die Atmung werden sich auf das Gesamtsystem übertragen, selbst wenn man es ansonsten schaffen sollte sich nicht zu bewegen :)

    Um der Sache beizukommen würde man sehr viel Masse und entsprechend dimensionierte Achsen benötigen, das geht dann schon deutlich über einen Zahnarztstuhl hinaus.


    Bei "fernglasüblichen" Vergrößerungen mag das noch unproblematisch sein, aber mit so einem Instrument will man ja auch mal höher vergrößern.

    Seit ich Binos mit Wechselokularen habe wurde mir jedenfalls bewusst wie empfindlich diese Systeme bei höheren Vergörßerungen auf Erschütterungen reagieren und dass sich das Ausschwingverhalten mit zunehmender Gesamtmasse verschlechtert.


    Eine möglichst stabile Säule und Montierung sowie davon komplett entkoppele Sitzgelegenheit sind meiner Meinung nach zielführender.


    Grüße Jochen

    Questar 3.5" - Leica Ultravid 8x20 - Canon 15x50 IS - APM 150mm SD

    Edited once, last by portaball ().

  • Hallo zusammen,

    Danke Rene für dein inspirirendes Kompendium, das trägt mit dazu bei dass ich jetzt auch nach längerer Pause mal wieder Sternenlicht sammeln muss.

    Vor allem mit Kopf im Nacken wackel ich selbst für 6x zu stark um wirklich über längere Zeit genussvoll beobachten zu können. Das hat mich bis jetzt auch immer daran gehindert, mal ausführlich mit dem FG nachts Zeit zu verbringen.

    Inspiriert von RalphM's Zweibeinlösungen und dem tollen Foto von einem jungen Stathis mit Astmontierung hab ich gestern mal ein bisschen herumprobiert und nur kurz unterm Sternenhimmel getestet. Für mich ist folgende Lösung recht vielversprechend, zumal ich nicht extra Geld dafür ausgeben muss. Das Stativ hält sonst meinen Selbstbau 114mm mit Kugelkopf als Alt/Az Montierung.



    Ich liege unter den beiden aufgespreizten Stativbeinen und hab somit schonmal ein solides Dreieck ohne Berührungspunkte mit meinem Körper. Das Bein das ich hier in der Hand halte dient dann um grob die Höhe zu verstellen. Den Rest kann ich über den Kugelkopf regeln. Zenith geht auf jeden Fall sehr enstpannt damit, M39 konnte ich gut beobachten. Wichtigstes Accessoire ist dabei wohl eine Kopf-/Schulterunterlage, die in den verschiedenen Positionen gut stützt, da werd ich noch experimentieren. Ich denke z.B. an Drybags, die man Luftdicht verschließen kann.


    Für horizontnahe Objekte richte ich mich einfach auf, die Beine lassen sich sehr schnell arretieren.



    So hat man eigentlich eine dynamische aber solide Beobachtungsposition ohne extra Equipment. Wär für mich absolut bergwanderungstauglich, auch mit einem größeren FG ( liest du das, lieber Weihnachtsmann?)

    Gegen die Kälte am Boden gibt es ja genügend Isoliermöglichkeiten. Ich sitze aber sonst eigentlich mit meinem 7" Dobson auch meist auf dem Boden oder einem kleinen Hocker.

    Ich berichte dann mal wenn ich ausführlicher testen konnte.

    Viele Grüße


    Alex

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