Kleiner Ausflug Mit 72 und 42 mm

  • Abend


    Da! Siehst Du ihn?? DA! DA! DA!

    Ein blauer Pfeil schießt durch die Abendsonne.

    Er dreht in der Luft ein paar Runden wie ein Testpilot, um kurz darauf prominent auf einem Ansitz zu landen. Wir haben die Sonne im Rücken und die Sonne scheint genau auf den Rücken des Eisvogels.


    Ein wahnsinnig schönes, funkelndes Blau ist schon von bloßem Auge zu sehen. Längst hab ich meiner Freundin das 12x42 Fernglas in die Hand gedrückt. Wir sitzen auf einer grünen Wiese mit Blick auf einen Graben, der einen schilfumrankten Weiher durchquert. Die ganze Zeit war es dort schon am Piepsen und wir haben uns durch die Büsche geschlagen, um einen guten Blick zu bekommen und auf Sichtung zu hoffen. WAS für ein Glück. Schon immer hatte meine Freundin einen Eisvogel sehen wollen, und nun gelang uns dies im schönsten Abendlicht. 50 m Abstand zum Ursprung des Gepiepse (sicher waren dort die Bruthöhlen) wollte ich wahren, so saßen wir mitten in der Wiese, und meine Freundin vor Aufregung direkt im Mauswurfshügel, als wir in Deckung gingen bei Auftreten des Piloten.

    Nun war richtig Action... auf einmal flogen mehrere Eisvögel umher! Einer der Vögel landete im am Wasser auf einem Ast, kurz darauf flog ein weiterer Eisvogel in den Baum dahinter. Wow. Da lohnt sich mal die Randschärfe: beide waren gleichzeitig im Sehfeld vom 12x42 zu sehen! Oben hockt das Weibchen, erkennbar an der roten Schnabelunterseite, im Baum, ganz unten am Wasser der andere Eisvogel.


    Was eigentlich als kurzer Abstecher nach dem Osterbrunch gedacht war, welcher sich bis nach 16 Uhr zog, wurde zu einem richtigen kleinen tollen Ausflug. Seit Tagen war klar, heutige Nacht ist Beobachtungswetter! An sich wollte ich rechtzeitig zu hause sein zum Vorbereiten und Beobachten, aber das Erlebte war mir jede Verzögerung der Nacht wert. Was für ein Erlebnis! Ich freute mich riesig. Die Lebensgeister waren wieder geweckt.


    Nacht


    Ca. 20.30 Uhr wieder zu Haus war die Frage: welche Ausrüstung nehme ich nun mit? Die bleierne Müdigkeit und Trägheit kehrte zurück. Seit Tagen war bestes BB-Wetter angesagt, aber es sollte windig und am nächsten Tag wolkig werden (vermutlich schlechtes Seeing), also eher Apo nebst Fernglas oder den 12er nur mit niedriger Vergrößerung. Die Müdigkeit nahm mir dann die Entscheidung ab: das kleine Besteck sollte herhalten. Mit 22.30 Uhr sitze ich etwas spät auf dem Radl, 72er Apo und FG im Gepäck. 4 Grad sollen es sein, aber mir zieht die Kälte bis ins Mark, der dünne Pullover unter der Jacke war trotz Bewegung doch etwas zu wenig. Ich wähle den direkten Weg, bei den Hirschen entlang, durch den Wald, um zum Höhenweg zu gelangen, am höchsten und ohne direktes Licht der wohl beste Platz vom Dorf.


    Im finsteren Wald ist es gar nicht so finster – die noch fehlenden Blätter lassen die funkelnden Sterne hindurch. Ich schalte das Radlicht aus, so werden auch die Tiere nicht allzusehr gestört und meine Augen können schon adaptieren. ich kann den breiten Forstweg auch ohne künstliches Licht schwach erkennen. Langsam geht es bergauf, wer sein Radl liebt, der schiebt. Bald trete ich in die offene Landschaft auf den hellen Kiesweg, Richtung Westen funkeln die Lichter am Ammerseeufer. Ich komme 15 Minuten nach Aufbruch an meinem Beobachtungsplatz an. Eine Bank wartet schon darauf, dass ich meine Utensilien drauf verteile. Wo ich mich tags noch aufregte, wie der Busch an der Bank zurechtgestutzt wurde, so praktisch war es nun bei Nacht: freie Sicht nach praktisch allen wichtigen Seiten, v.a. nun durch Busch-Köpfung auch nach Süden. Nach 5 Minuten war alles aufgebaut. So ein 72mm-Apo mit Kugelkopf ist schon ein tolles schnelles Setup. Der bleibt jedoch erstmal eine Weile stehen und guckt allein in den Himmel. Das neue 12x42 Swaro will ein wenig ausgeführt werden. Bisher im wesentlichen nur Testcharakter, wollte ich heute etwas mehr damit beobachten. Zunächst probierte ich etwas mit HBeta- und OIII-Filter herum. Allerdings standen die meisten Objekte hierfür schon zu tief. Was aber hängen blieb, ist der Eindruck vom Affenkopfnebel (NGC 2174) mit einer Seite OIII und andere Seite ohne Filter. Dies bot tatsächlich den besten Gesamteindruck im Gegensatz zu nur mit oder vollkommen ohne Filter: der Nebel wurde etwas verstärkt aber gleichzeitig noch viele Sterne zu sehen. Der IC 410 im Fuhrmann (Kaulquappennebel) wurde ebenfalls etwas verstärkt und zeigte sich in einem schwachen Halo um die Sterngruppe.


    An der Bank steht gleichzeitig eine Art Elektrohäusl, gerade richtig von der Höhe, um die Arme mit dem Fernglas drauf abzustützen. So konnten die Fuhrmannhaufen heute so richtig wirken. Toll.

    Was ich auf jeden Fall vorhatte, M 67 mit dem 72er zu besuchen. Im 12x42 war der schon hübsch kondensiert, das versprach ein tolles Ziel für den Apo. So war es auch – mit 26mm dem Anblick im FG fast schon ähnlich, war der Blick mit 13 mm Okular fast schon zu stark auflösend, aber noch ein echt schönes Häufchen. Das 17mm hab ich zu Haus gelassen, das wäre wohl perfekt gewesen. Allemal ein toller Anblick. Auch die Fuhrmannhaufen hab ich damit gleich angesteuert, auch sehr fein, immer wieder. Einfach zum Genießen.


    Der Löwe stand schon prominent im Süden und klar, wo man da hinsteuert mit kleiner Optik. Und ich sage euch, Leos Triplett ist im kleinen 72er Apo für mich genauso schön wie mit dem 12“er. Einfach, weil es so schön zusammen ins Sehfeld passt. NGC 3628 war einfach zu sehen, mit 8 mm noch genauso gut oder gar etwas besser als mit 13mm-Okular. Sie musste nicht aufblitzen, sondern war einfach da. Hatte ich mit 72mm jetzt auch noch nicht sooo oft, dass es so leicht ging. Der Himmel war offensichtlich sehr gut. Nicht alpin, aber sehr gut.


    Deepsky im 12x42


    Bald kam ich so auf die Idee, das wäre eine gute Gelegenheit, mal das Fernglas auszutesten, was damit so ginge. Die NGC 3628 in Leo´s-Triplet? Ich legte mich auf die Isomatte auf der Bank, ließ das Fernglas auf meinen Augenhöhlen ruhen und schirmte mit den Händen seitlich alles an den Okularen ab. Jetzt hieß es meditieren. Außer M 65/M66 (eine davon fast blendend hell) sah ich nix, hatte allerdings keine exakte Positionskenntnis der NGC.

    Gewappnet mit Skysafari änderte ich das. Nochmal hinlegen, nochmal konzentrieren. Da. Da! Leicht winklig nach rechts oben geneigt? Blick in Skysafari: tatsächlich. Nochmal hinlegen. Ja, definitiv ein sehr schwacher breiter Streif.


    Ich hatte Lust, mal bei den anderen Messiers bisl rumzugucken. M1 ging auf Anhieb. M 51: Wow. Man is die hell! So ein deutliches Bäuschlein im Fernglas! Ich hielt auch gleich mal mit dem 72er drauf. Das ist Deepsky. Auch ohne Spirale ein spaciger Eindruck, ich flog regelrecht im 13er Ethos vor der Galaxie entlang und fühlte mich in den Raum ein. Die tolle Abbildung, die 100 Grad und klasse Transparenz der Nacht bescherte ein ungetrübtes All-Vergnügen. DAS ist für mich Deepsky.

    Weiter zum FG. Ich wollte einmal M 109 ansteuern. Früher mit 10x50 schon abgehakt und eher punktuell in Erinnerung und nicht sooo einfach, war ich nun gespannt. Gut 20 Jahre nach der ersten FG-Sichtung, nun unter ggf. etwas besserem Himmel, mit besserem Glas, aber weniger Öffnung.

    Meditationslage, senkrecht nach oben schauend:

    Zack, Galaxie sofort sichtbar. Ein länglicher kurzer Streif, innen etwas kondensiert wenn ich mich recht entsinne. Jedenfalls super einfach. Krass!

    Was machen M97 und M 108? Duo gut sichtbar, M 108 schwieriger aber noch recht einfach zu sehen. Der Apo zog nach, ein tolles Doppelobjekt, auch in dem kleinen Gerät, mit dem markanten Stern zwischen den beiden Objekten, symmetrisch gleich weit entfernt.


    Kurzer Blick zu M 81/82. Die gehen ja schon mit 10x22, aber der Anblick jetzt verblüffte mich schon: Ein deutliches helles Galaxienpärchen. Wow. Wieder mit 72mm drauf: Nochmal wow.

    Wer sagt nochmal, Deepsky ginge nur mit 20cm Öffnung und mehr?

    Jetzt wollte ich mal NGC 4565 (mit dem FG testen. Was wäre von der Nadel zu sehen? Tatsächlich zeigte sich ein kurzes Bälkchen, untypische Erscheinung aber definitiv die richtige Galaxie.


    Walfisch/Herings-Galaxie und Fischhaken (NGC 4631 / 4657) … mit Fernglas? Die Walfisch-Galaxie 4631 zeigte sich schnell und einfach als markanter kurzer Strich am Himmel. Der Fischhaken... hm.....Selbst exakte Positionskenntnis brachte keinen Erfolg. Ggf. wackelte ich schon zu sehr vor Kälte. Es soll ja deutlich über Null sein, aber die Müdigkeit... trotz Daunenjacke fing ich an zu zittern. Zeit für eine kleine Laufaktion. Wo sich tags zig Leute langschieben und rumwandern, hatte ich das Revier nun für mich allein. Einfach den hellen Weg Richtung Süden, Richtung Raben laufend, den Blick in die Weite und den Himmel schweifend. 1 Minute joggen sollte erstmal genügen, mir wurde schon etwas wärmer.


    M 3 und M 13 dienten der Auflockerung – sowohl im FG als auch Apo. Die Vorfreude auf die Sommerobjekte stieg. Ich musste etwas einen Hang hinunter spazieren, damit ein ferner Waldrand den Blick auf M 4 freigab. Dies sollte mein Abschiedsobjekt sein. Im 12x42 ein großer Bausch, mit vielen schönen hellen Sternen zusammen im Sehfeld, garniert von der Waldrandkulisse, wo sich verschiedenste Bäume als Silhouetten garnierend um die Sterne des Skorpions rankten.


    La-Palma-Feeling kam auf.


    Mit diesem wundervollen Eindruck schloss ich die Beobachtungsnacht, ich hatte nun doch von 23.45 bis 2.30 Uhr durchgehalten, trotz Müdigkeit und v.a. der Kälte. Hätte nicht gedacht, dass mir so kalt wird.


    Der angesagte Wind, der schon die ganze Zeit leicht blies, wurde eh stärker und drang schon geraume Zeit in Nacken und unter die Jacke. Nun, mit dem Wind im Rücken, spazierte ich zurück, mit ausgeschaltenem Licht, Richtung Wald. Am Waldrand blieb ich stehen und lauschte dem Wind in den Blättern. Das liebe ich! Kurz darauf tauche ich wieder in die Dunkelheit des Waldes ein, nur unter den Blicken der rufenden Waldkäuze.


    CS

    Norman

    12" f/4,5 mit Nauris-Spiegel - 72mm Lacerta Apo - 12x42 NL Pure
           

    - who stands the rain deserves the sun! -

    Edited once, last by NormanG ().

  • Hallo Norman!


    Ein toller, stimmungsvoller Bericht! Und natürlich kenne ich deine Beobachtungsbank über dem Lichtermeer des Ammersees.


    Alles Gute vom Helmut

  • Hallo Helmut,


    danke Dir :slightly_smiling_face:


    Schöne Grüße und CS!

    Norman

    12" f/4,5 mit Nauris-Spiegel - 72mm Lacerta Apo - 12x42 NL Pure
           

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  • Hallo Norman,


    kannst du auch - wie ich - ältere Versionen meines Beitrags einsehen? Ich hatte meinen kurzen Beobachtungsbericht wieder gelöscht, als ich auf n-tv sah, dass in München ja mal wieder Ausgangssperre ist. Sie wird aber am Mittwoch wieder aufgehoben.


    Viele Grüße von Helmut

  • Hallo Helmut,


    nein, ich kann keine weiteren Beiträge von Dir erkennen.


    Schöne Grüße

    Norman

    12" f/4,5 mit Nauris-Spiegel - 72mm Lacerta Apo - 12x42 NL Pure
           

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  • Hey Norman,

    Hab gar nicht mitbekommen, dass du wieder einen tollen BB verfasst hast! :)Sehr stimmungsvoll! Ich seh es kommen, dein 12er verwaist, und nur das Swaro kommt mit auf den Berg :D

    Den Affenkopf muss ich mir endlich mal zur Brust nehmen- scheint ja sehr einfach zu sein! Na, na kiekn was heute oder Morgen geht 8)


    Viele Grüße,

    Stefan

  • Hi Stefan,

    danke - nö, der 12er ist in genau 15 min an der frischen Luft :-)


    CS

    Norman

    12" f/4,5 mit Nauris-Spiegel - 72mm Lacerta Apo - 12x42 NL Pure
           

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