Unsere Sonne 2(7) Fortsetzung 2

  • Fortsetzung:

    Auf der Insel erwartete sie dann ein Paradies, freundliche Menschen, ein Superklima und sie hatten auch noch zwei Monate Zeit den Transit vorzubereiten.

    Mit Cook, Green und dem Transit 1769, beobachtbar auf Tahiti, stimmte dann alles, wenigstens am 3. Juni. Charles Green und ein Drittel der Mannschaft starben nämlich später auf der Heimreise an Malaria, die sie sich während Reparaturarbeiten in Jakarta geholt hatten.

    Der Venustransit wurde auf drei Stationen gemessen. Ein typischer Transit dauert ungefähr 6,5 Stunden. Auf Grund der schon erwähnten Lichteffekte unterschieden sich die Meßergebnisse mit 48 Sekunden, was man ja doch als so ziemlich genau ansehen kann.

    Cook brauchte noch 2 Jahre für die Heimreise auf Grund aller Unglücke und Krankheiten und vor allem auch wegen verschiedener Aufträge. Unter anderem stellte er fest, daß sich mitten im Pazifik kein größerer Kontinent mehr befindet, was man damals vermutete. Mit anderen Worten war die Venusvermessung nur ein kleinerer Teil dieser ersten Weltumsegelung, auch wenn sie der eigentliche Anstoß gewesen war.


    Insgesamt lieferten diesmal 77 Beobachtungsstationen brauchbare und vor allem bessere Ergebnisse. Die für Halleys Methode besten Stationen waren im Süden Tahiti und im Norden Vardö.

    Vardö ist eine kleine, norwegische Inselkommune, die an der Barentssee liegt, also ordentlich nördlich und vor allem innerhalb des Polarkreises. Dieser Ort hatte schon seit dem Mittelalter strategische Bedeutung und beherbergt heute immer noch riesige Radarstationen, wie schon immer gegen Rußland gerichtet, aber auch zur Beobachtung von Weltraummüll.

    1769 war Vardö aktuell für den Venustransit die nördlichst mögliche, anwendbare Station. Derjenige, der das ausrechnete, war der ungarische Astronom Maximilian Hell, der schon 1761 den Transit in Wien beobachtet hatte. Er war dort der Leiter der astronomischen Abteilung und etablierte erfolgreich Wien´s astronomische Jahresschrift "Astronomisches Jahrbuch oder Ephemeriden", die mit französischen und englischen Schriften konkurrierte. Viele Astronomen damals glaubten 1761 einen Venusmond gesehen zu haben, was Hell dann als den Effekt eines Lichtreflexes Teleskop/Hornhaut erklären konnte. Er sah zu, daß er von der dänisch-norwegischen Akademie angeheuert wurde, machte genaue Positionsberechnungen im Winter und konnte dann den Transit am 3.Juni 1769 in der Mitternachtssonne "zufriedenstellend" beobachten.


    Warum zufriedenstellend in Anführungsstrichen? Sie hatten damals auf Vardö ein wahnsinniges Glück. Eintrittspunkte 1/2 ließen sich haargenau beobachten, dann aber war für 6 Stunden Schluß - dunkelste Wolken verdeckten den Himmel. Wie die Armen sich dabei gefühlt haben müssen, kann man sich ja denken. Und dann Minuten vor dem Austritt Punkte 3/4 um drei Uhr in der "Nacht" offenbarte sich wieder der klarste, denkbare Himmel. Die Zeiten ihrer drei Meßstationen variierten nur 7 Sekunden und zwei davon nur 1 Sekunde, unter anderem er selber. Ihre Beobachtungen waren die meist geglückten auf der ganzen Nordhalbkugel.


    James Cook´s Weltumseglung war ja eine Sache für sich, aber Hells Reise ans Nordkap und darüber hinaus war ja auch nicht das einfachste. Warum er sich die Mühe machte, war, weil er von Halleys Methode fest überzeugt war und vor allem Tahiti und Vardö für die bestgeeigneten Beobachtungsorte hielt.


    Trotz aller Zusammenarbeit war die Astronomiegemeinde natürlich nicht gefeit gegen Konkurrenz, Neid, Mißtrauen usw, wie das halt eben so ist mit uns Menschen. Der französische Astronom Jerome Lalande war Nachfolger von Delisle, der 1768 starb und den Transit nicht mehr miterleben durfte. Lalande hatte Koordinatorambitionen, war doch Frankreich neben England führend, was Astronomie und Beobachtungen betraf. Da konnte Hell nicht richtig mithalten. Das hinderte ihn aber nicht, seine eigenen Ergebnisse mit seinen eigenen Methoden veröffentlichen zu wollen, war er doch Chefastronom in Wien und sehr bekannt. Dazu brauchte er aber den Engländer Green mit den Tahitidaten und die kamen ja erst 1771. Eile hatte er also nicht. Und die dänisch/norwegische Akademie hatte auch keine Eile. So erhielt Lalande die Vardödaten in einem offiziellen, sehr ausführlichen Rapport aus Dänemark erst 9 Monate nach dem Transit, was er sehr übel nahm. Außerdem hatten die im Norden ihn nie um Rat gefragt.

    Nach so langer Zeit kam sogar der Verdacht auf, daß Hell seine eigenen Daten, verglichen mit schon bekannten Daten, frisiert haben könnte, was aber dann, auf jeden Fall außerhalb Frankreich, auf Grund seines ausführlichen Rapportes als unbegründet abgetan wurde. Außerdem konnte man den Wetterverlauf auf Vardö zufriedenstellend nachvollziehen. Weiterhin wurden Hells Positionsbestimmungen als sehr scharfsinnig anerkannt.

    Lalande wich doch nie von seinem Verdacht ab und machte auch keinen Hehl daraus. Hells Daten waren für ihn falsch.

    Seine eigene Auswertung aller einkommenden Daten resultierte in einer ganzen Reihe von unterschiedlichen Parallaxenwerten, die Lalande innerhalb von zwei Jahren veröffentlichte. Die waren alles zwischen 9,18 und 8,5 Bogensekunden oder 143-155 Millionen Kilometer. Das war besser als 1761, verunsicherte aber wieder die Astronomiegemeinde.


    Hells Methode dagegen war, nur die Daten der seiner Ansicht nach besten Beobachter auf den besten Beobachtungsposten anzuwenden. Der eine war natürlich er selber und der andere, wie gesagt, Charles Green. Er bedauerte, daß er das nun selber alleine machen mußte, weil Green ja an Malaria starb, aber dagegen hatte er sicher nichts.

    Er fand schnell heraus, daß Halleys Methode zu ungenau war, weil die Verschiebungen der Venusbahnen auf der Sonnenscheibe zu klein waren. Der Zeitunterschied war aber beinahe 24 Minuten - Green hatte 6h 5´ 37´´ gemessen und er selber 6h 29´ 34,5´´. Das und die genau bestimmten Positionen waren jetzt für ihn die Schlüssel zur Sonnenparallaxe. Er berechnete sie zu 8,7´´ oder 151 Millionen km und veröffentlichte dieses Ergebnis in seinem Jahresbuch Die Ephemeriden.


    Gleichzeitig eskalierte die Uneinigkeit mit Lalande, der jetzt die Vardödaten ganz ausschloß, und selber zu dem Endergebnis 8,5´´ oder ca 154,8 Millionen km kam.

    Heute ist ein Mondkrater nach Lalande benannt.


    Hells Berechnungen des Sonnenabstandes AE waren aber die, die in diesem infizierten Streit sich dann durch setzten, bis modernere Instrumente im nächsten Jahrhundert genauere Ergebnisse lieferten. Hells Rapport glich in vielem dem, was auch Cook und Green im Süden unternahmen. Der Venustransit war zwar der Anlaß, aber doch ein kleiner Teil an seinem Unternehmen. Er berechnete Längen/Breiten-Grade phantastisch genau, untersuchte Nordlichter, Erdmagnetismus usw und so fort.

    Doch konnte der "Pfuschverdacht" erst Ende des 19:ten Jahrhunderts endgültig abgeschrieben werden. Hell starb 1792 und nach ihm ist auch ein Mondkrater benannt. Er und Lalande waren die hervorragendsten Astronomen ihrer Zeit.


    Man versuchte es nochmal mit den Venusdurchgängen 1874 und 1882, konnte aber den Wert für AE, der mit Hilfe der schon erwähnten Marsparallaxe von 1877 festgestellt wurde, nicht verbessern. Im 20:ten Jahrhundert machte man noch mal Messungen über den Kleinplaneten Eros und heute wird das Planetensystem auf 10 m genau mit Radar vermessen. (Weiter hier)

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