Kosmos des Antikythera-Mechanismus enträtselt

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  • Hallo in die Runde,


    vielleicht ist es nur die Art der Diskussion, die hier zu etwas harschen Worten führt.


    Ich denke, Mathias hat recht, es gibt meines Wissens keine absolut unwiderlegbaren Altersnachweise.

    Die Aussage, Funktionen oder Symbole/ Schriftzeichen auf dem Gerät seien seit der Antike bis in die frühe Neuzeit niemandem mehr bekannt gewesen, kann nicht wirklich bewiesen werden.

    Wie will man wissen, was irgendjemand zwischen Spätantike, Mittelalter bis nach der Renaissance vllt. doch für Quellen gehabt haben könnte.


    Andererseits haben wir extrem viele Informationen aus den Zeiten der Antike verloren.

    Schaut man sich an, was Textquellen, Architektur und Archäologie noch hergeben, kommt man zum Schluss, dass es in der Antike immer wieder Regionen gab, die Erstaunliches leisteten.

    Vieles, was wir erst wieder seit etwa Mitte des 19.Jh kenne, kannte die Antike jahrhundertelang.


    Es gibt also auch keinen absolut unwiderlegbaren Beweis, dass antike Konstrukteure solch einen Mechanismus nicht hätten bauen können.


    Wir werden warten müssen, bis Beweise für die eine oder andere Herkunft des Gerätes gefunden werden.

    Bis dahin ist aus meiner Sicht eine antike Herkunft genauso möglich, wie eine Konstruktion zB in der Renaissance Zeit ...


    Gruesse - matss

  • Fakt ist, bei diesem Antikythera-Mechanismus ist die Datierung völlig unklar.

    Die Datierung ist von allen offenen Fragen noch die einfachste.


    Du musst die richtigen Maßstäbe ansetzen. Es geht hier schließlich nicht um forensische Beweissicherung, mit denen man im Gericht einen verurteilt oder freispricht, sondern um eine simple aber nachvollziehbare Herleitung.


    Kurz:

    Gefunden 1900 von lokalen Schwammtauchern, der Holzrahmen oder die Kiste, die zum Teil gehörte zerfiel in den nächsten Jahrzehnten zu Staub und ist nicht mehr erhalten. Deshalb scheitert die moderne Radiokarbonmethode direkt an Bauteilen des Mechanismus.


    Die Datierung des Wracks, in welcher der Mechanismus war, ergab eine Zeit um 100 v. Chr., also hellenistische Zeit.

    Der Zustand des Schrotthaufens - sorry wenn ich es so beschreibe - passt zum Alter. Sachliche Gründe für eine Fälschung gibt es nicht. Bis zur Aufklärungszeit (~1700 und später) gab es keinen Bedarf für musealen Schrott, weil es keine Museen gab. Reliquien hatten immer einen religiösen Bezug oder Bezug zu Machthabern ... auch das scheidet hier als Motiv aus.

    Und selbst zwischen 1700 und 1900 hätte es keinen Markt für die Fälschung eines Schrotthaufens gegeben, sondern bestenfalls für ein gut erhaltenes Exemplar. Für die Mordermittlung im forensischen Sinne fehlt es also hier schon am Mordmotiv.


    Das, worüber die aktuellen Forscher rätseln, betrifft den mechanischen Aufbau einerseits und die Einsortierung des Mechanismus ins seinen historischen Kontext. Für gewagt halte ich Aussagen, dass der Apparat stark genutzt, sprich abgenutzt sei und man damit die Funktionstüchtigkeit an sich unwiderlegbar impliziert. Die sollen erst mal herausfinden, wie er überhaupt funktioniert haben soll. (just my two cents)


    Wenn Zahnräder mit Dreiecksflanken von 60° in den Zähnen geformt sind, dann drehen die nämlich verdammt schlecht und nach wenigen Drehungen sind die Spitzen der Zähne und ihre Flanken abgenutzt. Sprich die Abnutzung geschieht schon bei der Erprobung/Bau.


    Die Nutzung von Zahnradgetrieben oder Gleitkurven an sich, war seinerzeit bekannt, wurde in dem Mechanismus halt auf die Spitze getrieben. Beispiele sind der Strecken-/Schrittzähler von Heron von Alexandria zur Entfernungsmessung oder die vielen Entwürfe von Archimedes.


    Insoweit sehe ich in dem Mechanismus mehr ein Milliardärsspielzeug (schon in der Antike) als den Beleg für einen Höhepunkt des ingenieursmäßigen Entwicklungsstandes. Dazu sind die antiken Weltwunder besser geeignet oder die Aquädukte. Und ähnlich halte ich die aktuelle Forschung dazu organisiert ... im Grunde nebensächlich.


    Interessant ist auch, dass in der historischen Literatur nirgends der Mechanismus näher erläutert wird. Die Gelehrten brauchten ihn schlichtweg nicht, denen reichten die Tabellen von Ptolemäus und Co..


    Allgemein wundert man sich ja in der Geschichte über einen Mangel an technischen Zeichnungen. Allerdings sollte man daran denken, dass die Erfinder diese absichtlich nicht anfertigten oder so kryptisch und fehlerhaft, weil es die einzige Möglichkeit war, sich vor Nachahmer zu schützen. Patentschutz gab es ja nicht. Dass man das durchaus präzise konnte, zeigen die Unterlagen zur Ansicht vom Kölner Dom, die im 1900 Jahrhundert wiederentdeckt erst dessen Vollendung ermöglichten. (siehe Seitenansicht Riss F) Etwas was Da Vinci und andere sicher auch konnten, wenn sie gewollt hätten.

  • Hallo.


    freut mich, nachdenklichere Töne zu hören! Es ist doch bemerkenswert wie viele offene Fragen es gibt, so dass es derzeit einfach nicht gelingt, den Apparat in einen schlüssigen Zusammenhang mit der bisher bekannten technischen Entwicklungsgeschichte zu stellen.


    Dass die Datierungsfrage darunter noch die einfachste sein soll, weil zur Entscheidung ja schon eine "simple, aber nachvollziehbare Herleitung" genügen würde, wozu man nur "die richtigen Maßstäbe ansetzen" müsse, und das bräuchten nunmal keine "forensischen" sein - na ja, ich weiß nicht. Wer hat die nötigen Maßstäbe schon und wer weiß welche davon wie richtig anzuwenden sind? Und was heißt in diesem Zusammenhang simpel? Und warum keine sagen wir mal "härteren" forensischen Methoden, wenn die vielleicht noch möglich wären, vielleicht z.B. bei so einer Firma hier: Curt Engelhorn Zentrum für Archäometrie


    Fände ich, falls noch nicht geschehen, eher ein paar Versuche wert, als die nächste angeblich zwingende logische Deduktion zu versuchen, mit der sich aus historischen Textfunden eine vermeintlich eindeutig antike Datierung ableiten lassen soll. Was aber leider nur auf höchst verschlungenen geistigen Wegen gelingt und sich in sehr langen Veröffentlichungen niederschlägt, die nur eingeweihte Fachleute nachvollziehen können...


    Eine antike Datierung in Frage zu stellen, die nur auf Archivforschung beruht, ist auch was anderes, als von "Fälschung" und "Mord" zu reden und dem Hersteller, Benutzer oder Besitzer damit Betrug, Irreführung, oder andere schlechte Absichten zu unterstellen. Für derart harte Vorwürfe fehlen bislang die Indizien, weshalb es uninteressant ist da weiter zu spekulieren - undenkbar und auszuschließen wäre aber auch sowas nicht. Aber so weit geht ja auch keiner, wenn er eine Verwechslung oder Überinterpretation der Indizien erwägt. Wenn es nur ein späteres Konstrukt, ein pädagogisches Demonstrationsmodell, oder ein Spielzeug, ein Miilionärs-Nippes oder etwas ähnliches war, das sich irgendwie ins Mittelmeer verirrt hat, sollte man auch nicht von Fälschung oder Betrug reden.


    Vielleicht hat ein Spaßvogel das unnütze Ding vom Kaminsims seines verhassten Onkels ja auch absichtlich dort über Bord geworfen, wo damals noch Überreste zu sehen waren. Oder einer, der das Ding irgendwo irgendwem im Glauben geklaut hat, er könnte es im Ausland teuer weiterverkaufen, hat es aus Frust über die örtlichen Experten, die ihm erklärten es wäre leider nur irgendein für sie uninteressantes unechtes wertloses Getriebe, dafür hätten sie gerade keine Käufer, alte bemalte Scherben liefen im Antiquitätenhandel gerade besser, danach absichtlich aus Rache auf der Rückfahrt in eine mutmaßliche Unterwasser-Fundgrube geworfen. Die man damals vielleicht noch von oben erkennen konnte : Was, kein Bares für Rares, mein ganzer Aufwand mir das Teil zu verschaffen, um damit reich zu werden, war umsonst. Und an das vielleicht wertvolle olle Zeug tief unter mir komme ich doch nie ran. Muß das Teil außerdem loswerden - hier habt ihr euren Sch... zurück, ihr verd.... Fachmänner :-) Ok, ich wollte doch nicht spekulieren.


    Natürlich ist die Datierung nicht die einzige der vielen Ungereimtheiten. Aber sie hat die größten Implikationen. Macht man die Annahme, das Ding wäre antik, und fordert, dass die bekannte technisch wissenschaftliche Entwicklungsgeschichte umgekrempelt gehört, führt das auch dazu, dass man eine ganze Reihe gravierender und in sich widersprüchlicher Schutzbehauptungen aufstellen muß. Und damit wird die Herleitung alles andere als "simpel" und "nachvollziehbar". Beispiele.


    Weil man sich vor Nachahmern schützen wollte, wären keine Dokumentationsunterlagen angelegt worden, wobei man das vermocht hätte, auch wenn zeitgenössische Zeichnungen kein so komplexe Niveau zeigen. (Danke für "Riß F", toll!) Gut, dann aber würde man doch erwarten, dass das Ding begehrt gewesen wäre oder zumindest umso mehr Aufmerksamkeit und Beachtung bei den Zeitgenossen gefunden hätte, dass die irgendwo mal darüber berichtet oder es erwähnt hätten. Aber Fehlanzeige.


    Oder: es könnte kein großes Interesse zur Nachahmung gegeben haben, weil der Apparat nur ein vielleicht gar nicht funktionierendes exklusives Miliardärsspielzeug war. Dann dürfte er aber nicht viel benutzt worden sein und böte keinen Grund zur Annahme, der in ihm verwirklichte (aber vielleicht gar nicht funktionierende) feinmechanische Fertigungsstand belege Existenz und Verbreitung auch anderweitiger, ganz fantastischer (und vor allem funktionierender und sinnvoll benutzbarer) Hochtechnologie schon in der Antike.


    Oder: Der Apparat ist zwar singulär und passt nicht zum überlieferten antiken Entwicklungstand, aber trotzdem repräsentativ für eine uns heute nicht mehr bekannte damalige Hochtechnologie. Diese hat leider nirgendwo sonst Spuren hinterlassen und starb schon damals nach kürzester Zeit aus bisher unerklärlichen Gründen schlagartig aus. Die vielen anderen Spuren, die wir haben und immer noch finden, die ein ganz anderes und deutlich niedrigeres Fertigungsniveau zeigen und sich in eine kontinuierliche Entwicklung sehr gut einfügen lassen, sind dagegen in ihrer Summe nicht repräsentativ für die antike Zeit. Nachvollziehbar, simpel?


    Oder: Der Apparat war wichtig und wurde zwar viel benutzt, weil er fast wie ein Computer in unglaublicher Perfektion die komplexesten astronomischen Zusammenhänge anzeigte, aber die damaligen Gelehrten brauchten und beachteten ihn nicht, die nahmen lieber Tabellen. Z.B. weil sie kein Geld hatten und sich von dieser teuren Hochtechnologie deshalb leider fernhalten mussten, oder weil sie keinen Vorteil vom höheren Tempo hatten -Gelehrte haben ja viel Zeit - und auch nicht neugierig darauf waren. Die vergraben sich lieber im Elfenbeinturm. Oder sie wurden von irgendwelchen anderen Leuten abgehalten, auch wenn sie dafür doch eigentlich gebraucht worden wären. Egal.


    Oder: Die Hersteller der Hochtechnologie arbeiteten damals alle im Geheimen und durften darüber deshalb auch keine Aufzeichnungen anfertigen. Erlaubt war ihnen nur, so wie ihre nicht eingeweihten Kollegen, vergleichsweise einfachere Dinge zu dokumentieren und ihr Wissen nirgendwo anders anzuwenden als bei viel benutzten aber heute allesamt nicht mehr auffindbaren Geräten... (Beim Thema "viele Benutzungsspuren" hat mich Dein Hinweis zuerst stutzig gemacht, die wären doch sehr fraglich. Beim drüber Nachdenken konnte ich dann erleben, wie ich selber etwas aus der Lektüre in den Artikeln aufgeschnappt und unbemerkt als gesicherte Erkenntnis übernommen hatte, was aber nur eine unbelegte Vermutung oder Behauptung ist. Und das, obwohl ich doch mit dem Vorsatz rangehen wollte, die Veröffentlichungen kritisch zu lesen. Ertappt, so schnell geht das damit, unbemerkt Behauptungen zu übernehmen und sich als gesicherte Kenntnis verkaufen zu lassen...)


    Oder: Es war ein genialer Einzelgänger oder ein kleines Team, bewandert im höchsten astronomischen Wissen der Zeit, nebst exklusiven feinmechanischen Fertigkeiten in der Herstellung, was bei den Zeitgenossen aber keine Beachtung fand, weil Produkte der Hochtechnologie schon damals trotz ihrer Verbreitung selten Bewunderung fanden, weshalb nur ein paar vereinzelte vage literarische Andeutungen vorliegen, die man mit Mühe so interpretieren könnte. Das nötige Wissen kursierte leider nur in Expertenzirkeln und konzentrierte sich nur auf einen oder wenige Orte, die später genauso unerkannt von der Bildfläche verschwanden wie sie zuvor unerkannt entstanden waren. Geblieben ist nur ein Apparat ohne Kontext, ein einzigartiger Glücksfall. Schlüssig?


    Oder: Zur Herstellung waren keine vergleichbar hoch entwickelten Maschinen und Verfahren und Werkstätten nötig. Kopf, Papier und Bleistift, pardon Papyrus und Gänsekiel, reichten schon. Ganz so wie heute auch, wo nur dumme Anfänger immer gleich mit komplexen Meßapparaten und Hilfsmitteln hantieren wollen, die sie nicht verstehen, während richtige Experten bloß mit Lineal und Zirkel daneben stehen und damit die Marsraketen bauen... Räusper. :-)


    Aber ich denke diese ganze Szenarien aus doch reichlich widersprüchlichen Annahmen blockieren und hemmen sich in der Summe gegenseitig so ähnlich, wie sich womöglich auch die vielen Zahnräder des ganzen Apparats mechanisch gegenseitig hemmen könnten. Als nächstes wird uns vermutlich ein irgendwie funktionierender Nachbau präsentiert, mit einer ausgetüftelten Fertigungsmethodik, (damit die Zahnräder nicht hemmen, und die eigentlich auf modernen Kenntnissen beruht), was dann aber flugs den bisher verschollenen Möglichkeiten eines antiken Genies zugeschrieben wird, bzw. wahlweise einer ganzen Epoche...


    Solange der Apparat nur immer toller wird, bleibt auch das Interesse wach. Auf einer vergangenen Konferenz muß auch schon diskutiert worden sein, dass das Gerät wahrscheinlich auch die kopernikanische Revolution in der Antike vorausgenommen haben könnte, da die Mechanik der vermuteten Planetengetriebe vermutlich auf einem heliozentrischen Weltbild beruht hätte. Sensationell. Keine Ahnung ob auch umgekehrt die einfachere Möglichkeit in Betracht gezogen wurde, dass es in diesem Fall vielleicht einfach viel später gebaut worden sein könnte...) Und irgendwann kommt dann einer, der irgendwo aus dem (inzwischen leider ziemlich vermüllten) Mittelmeer ein vergammeltes Taschenrechnergehäuse zieht, das neben ein paar Amphorenscherben lag, auf die Idee, den Inhalt zu rekonstruieren und danach unweigerlich zu dem Schluß, die antiken Griechen hätten auch die Halbleiterfertigung schon beherrscht.... :-) Scherz.


    Usw. usf. Nix für ungut, zugegeben, ich spotte, bin polemisch und ironisch, ist nicht fair, bitte nicht böse sein! Ich denke matss liegt richtig: Abwarten, ob dazu irgendwann noch mal was wirklich Belastbares entdeckt wird und bei der nächsten Sensationsmeldung nicht gleich die Ungereimtheiten ausblenden und verdrängen, bloß weil es doch so schön wäre...


    Gruß,

    Mathias

  • Hallo zusammen,


    Die neuen Einsichten, über die der Artikel von Tony Freeth berichtet, scheinen ja alle daran zu hängen, dass man mit Hilfe der Röntgenanalyse auf dem Vorderdeckel des Apparates die Buchstabenfolgen Psi Sigma Beta und Psi My Beta entdeckt hat. Die lassen sich als Zahlen interpretieren (die Griechen haben Buchstaben als Zahlzeichen verwendet) und zwar als 462 und 442. Im Text des Deckels kommt die erste Buchstabenfolge im Zusammenhang mit dem Wort „Venus“ vor, die zweite im Zusammenhang mit „Saturn“.


    Warum ist das interessant? Es gibt schon seit längerem die Hypothese, dass die Vorderseite des Apparates ein geozentrisches Planetarium war, auf dem man die Umläufe von Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn um die Erde simulieren konnte. Sie wird gestützt dadurch, dass auf den Deckeln synodische Ereignisse (Oppositionen, Konjunktionen etc.) in Worten erwähnt werden. Die Entdeckung der beiden Zahlen auf dem Vorderdeckel liefert nach Freeth nun weitere Unterstützung für diese These.


    Inwiefern tut sie das? Wenn man so ein Planetarium konstruiert, braucht man die synodischen Perioden der Planeten, d.h. man muss wissen, wann eine bestimmte Konstellation von Erde, Sonne und einem bestimmten Planeten, z.B. Venus, wieder auftritt. Die babylonischen Astronomen hatten solche Perioden bereits bestimmt und ihre Werte waren bekannt. Für Venus gilt: Nach 8 Jahren sind 5 synodische Perioden abgelaufen. Die Synodendauer beträgt also 1,6 Jahre. Aber dieser Wert ist ungenau. Eigentlich gilt, wie die Babylonier auch schon wussten, dass sich in 1151 Jahren 720 synodische Perioden vollziehen. Die Synodendauer beträgt also nur 1,559 Jahre.


    Was hat das mit 462 zu tun? Freeth argumentiert so. Die genaue Zahl 1151 ist eine Primzahl. Sie lässt sich nicht faktorisieren. Wollte man sie in ein Getriebe umsetzen, dann bräuchte man ein Zahnrad mit 1151 Zähnen, und das ist (war) technisch nicht realisierbar. Aber 462/289 ist eine sehr gute Annäherung an 1151/720, und diese Zahlen lassen sich faktorisieren und durch Zahnradgetriebe realisieren. Freeth gibt auch eine mathematische Methode an, mit deren Hilfe man von 8/5 und 1151/720 auf 462/289 interpolieren kann.


    Die These lautet also: Dass auf dem Vorderdeckel des Apparates die Zahl 462 im Zusammenhang mit Venus genannt wird, besagt, dass der Apparat ein Planetarium war, das die Synodendauer der Venus mit 462/289 ansetzt. Freeth errechnet daraus, welche Zahnradkombinationen im Apparat verwendet worden sein müssen. (Überprüfen kann man das nicht, weil die Zahnräder nicht erhalten sind.)


    Ähnliches gilt für die Zahl 442 in Bezug auf Saturn, denn 442/427 ist eine gute Annäherung an die Synodendauer des Saturn, die die Babylonier mit 265/256 angeben. In diesem Fall kann Freeth allerdings kein mathematisches Herleitungsverfahren angeben.


    Wenn ich recht sehe, ist dies der wissenschaftliche Gehalt hinter der Meldung.



    Viele Grüße


    Johannes

  • Ich war schon zig-mal in Griechenland und habe dort 2 Museen besucht, die ein Lehrer gegründet hat, um antike Technik zu zeigen. Dieser hat auch am Antikythera Mechanismus geforscht und diesen nachgebaut. Ich habe zu Hause auch ein solches Exemplar stehen. Bei diesem Nachbau fehlt allerdings noch die Planetenmechanik. Das Problem an dem Mechanismus ist, dass dieser nicht wirklich funktionsfähig war. Das liegt zum einen an der sehr einfachen Lagerung der Bronze / Messing Wellen in einfachen Bohrungen in einer Platte ebenfalls aus Bronze oder Messing, zum zweiten daran, dass man mehrfach von sehr großen Zahnrädern auf sehr kleine übersetzt hat. Diese müssten dann ja sehr schnell laufen. Eine solche Konstruktion wäre heute vielleicht mit hochpräzisen Lagern möglich, damals leider noch nicht. So verklemmt der Mechanismus direkt und lässt sich nicht wirklich verwenden. Er wird zur Zeit auch dem Umfeld von Archimedes ca. 150-200 vor Christus zugeschrieben, jedoch nicht ihm selbst. Auf jeden Fall ein sehr interessantes Objekt und es war nicht das einzige an Hightech zu der Zeit. Schaut mal bei Kotsanas auf der Internetseite nach. Da gibt es auch virtuelle Besuchsmöglichkeiten.


    Historische, astronomische Grüsse, Joachim

  • Hallo!


    Ich denke inzwischen, weder war das Gerät ein unvorstellbar genial konstruierter funktionstüchtiger Gebrauchsgegenstand oder gar "Computer aus der Antike", (der damit beweist, dass es schon damals eine verbreitete, aber bisher völlig unbekannte Hochtechnologie gab, über die wir nur nichts wissen und die schlagartig verloren ging), noch war der Apparat ein moderneres Konstrukt viel späterer Zeiten, der auf kruden Wegen an diese Wrackfundstelle gelangte und später viele nur an der Nase herumführte. Ich glaube, nach den anregenden Beiträgen hier, die eine weitere interessante Recherche im Netz zur Folge hatte, inzwischen, dass die Wahrheit - wie so oft - irgendwo dazwischen liegen dürfte und deshalb auch nicht ganz so spektakulär ausfällt, wie es hin und wieder den Anschein hat (oder haben soll). Die genannten Extrempositionen sind vermutlich unangemessen und zwei zu stark eingeschränkten Blickwinkeln aus heutiger Zeit heraus geschuldet. Wobei in beiden Fällen das "Licht" vermutlich zu grell eingestellt ist... Dimmt man es etwas runter und dreht die Angelegenheit mal langsam hin und her, erkennt man wahrscheinlich eher, was Sache gewsesen sein könnte. Ein Teil der Erkenntnis zur Stellung und Bedeutung dieses Apparats bestünde dann in der Einsicht, dass früher manches zwar anders war, (was wir schon immer wussten), aber doch auf eine andere Weise, als die meisten es sich heute vorstellen - oder wolllen oder können. Was meine ich mit diesem Geschwurbel?


    Vorweg meine veränderte Einschätzung (von der ich annehme, dass sie auch einige in der Fachwelt längst teilen). Ich vermute nunmehr, das Gerät stammt in der Tat aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert und es ist echt antik. Ich denke, es war ein nicht wirklich funktionstüchtiges Modell für die kleine Oberschicht, vielleicht auch ein Unikat. Enteder als "Spielerei" für einen vielleicht reichen und gebildeten "Mäzen, der das Geld übrig hatte, und seine Ideen bei einen gewieften Handwerker, oder mehreren, in irgendeiner Werkstatt in die Tat umsetzen lassen wollte, oder für einen Akademiker, der es zur Ausbildungszwecken herstellen lassen wollte. Und der es später dann, weil es ständig klemmte und nie richtig funktionierte, enttäuscht vom vergeblichen Aufwand stehen ließ und irgendwann gewinnbringend (oder verlustausgleichend :-) Richtung Rom verscherbelt hat. (Oder es wurde von Nachfahren etc veräußert). Es war vielleicht einzigartig, aber zu seiner Zeit keineswegs so bedeutend oder genial über seine Zeit hinausweisend, wie manche annehmen wollen, sondern blieb vermutlich ziemlich unbeachtet, nicht zuletzt, weil es nicht funktionierte. Ein für seine Zeit extrem ambitionierter, aber letztlich gescheiterter Versuch, die Himmelsmechanik in irdische Mechanik umzusetzen. Und das brächte - aus meiner Sicht - im Grunde auch niemandem ein Zacken aus der wissenschaftlichen Krone.


    Warum der Sinneswandel? Ich hatte mich über die kurzjährige Folge der vielen Sensationsmeldungen im Laufe der Zeit amüsiert, die jede schnelle Recherche sofort zutage fördert, und eine fehlende moderne metallurgische Analyse beschwert - zu Unrecht, ich bin fündig geworden. Allerdings: erst Im Jahr 2018 hat es eine umfängliche Untersuchung dazu gegeben. Die Ergebnisse sind nicht spektakulär, weshalb sie bezeichnenderweise auch nicht in die Gazetten Einzug hielten, aber die gewonnen Hinweise doch einigermaßen aufschlußreich - und in Verbindung mit dem, was man anderswo über die Kunst der Metallbearbeitung zur damaligen Zeit lesen kann, hat mich das doch zu einer anderen Einstellung gebracht... Dazu, und dem Geschwurbel über die Gesellschaft, die ja bekanntlich immer an allem Schuld ist, später oder morgen vielleicht mehr... wenn ich es hoffentlich schaffe die Publikationen hier zu verlinken...


    Gruß,

    Mathias

  • Hallo!


    Ich denke inzwischen, weder war das Gerät ein unvorstellbar genial konstruierter funktionstüchtiger Gebrauchsgegenstand oder gar "Computer aus der Antike", (der damit beweist, dass es schon damals eine verbreitete, aber bisher völlig unbekannte Hochtechnologie gab, über die wir nur nichts wissen und die schlagartig verloren ging), noch war der Apparat ein moderneres Konstrukt viel späterer Zeiten, der auf kruden Wegen an diese Wrackfundstelle gelangte und später viele nur an der Nase herumführte. Ich glaube, nach den anregenden Beiträgen hier, die eine weitere interessante Recherche im Netz zur Folge hatte, inzwischen, dass die Wahrheit - wie so oft - irgendwo dazwischen liegen dürfte und deshalb auch nicht ganz so spektakulär ausfällt, wie es hin und wieder den Anschein hat (oder haben soll). Die genannten Extrempositionen sind vermutlich unangemessen und zwei zu stark eingeschränkten Blickwinkeln aus heutiger Zeit heraus geschuldet. Wobei in beiden Fällen das "Licht" vermutlich zu grell eingestellt ist... Dimmt man es etwas runter und dreht die Angelegenheit mal langsam hin und her, erkennt man wahrscheinlich eher, was Sache gewsesen sein könnte. Ein Teil der Erkenntnis zur Stellung und Bedeutung dieses Apparats bestünde dann in der Einsicht, dass früher manches zwar anders war, (was wir schon immer wussten), aber doch auf eine andere Weise, als die meisten es sich heute vorstellen - oder wolllen oder können.....

    Hallo Mathias,


    Seit ein paar Tagen schon wollte ich mich an dieser Diskussion beteiligen, aber Du hast mir nun durch diesen Beitrag die Arbeit weitgehend abgenommen.

    Deine Einschätzung, dass es sich wohl eher um ein Statussymbol oder Spielzeug für einen reichen Mäzen gehandelt haben könnte als um einen praktisch genutzten Apparat, teile ich zu 100% und spare mir deshalb einen ausführlichen eigenen Kommentar.

    Kannst Du eine Quelle zum Thema metallurgische Untersuchungen nennen? Bisher hatte ich dazu noch nichts gefunden, aber ich hab bisher auch nur oberflächlich gesucht.


    Den Mechanismus von Antikythera ist insofern etwas ganz Besonderes, weil er praktisch das gesamte astronomische Wissen seiner Zeit zum Thema wiederkehrende Himmelserscheinungen in einem mechanischen Konstrukt vereinigte. Ihn deshalb als Computer zu bezeichnen, finde ich trotzdem etwas übertrieben. Die einzige mögliche Eingabe war mit Hilfe einer Kurbel möglich, um in der Zeit vorwärts oder rückwärts zu gehen. Entscheidender Nachteil ist, dass man sehr weit kurbeln muss, um vergangene oder zukünftige Konstellationen abzulesen. Ständiges Hin- und Herkurbeln dürfte mit dem weniger als perfekten Mechanismus auf Dauer nicht viel Spaß gemacht haben.

    Die Lagerungen der beweglichen Teile waren ja ziemlich einfach gehalten und hatten insgesamt mit Sicherheit ziemlich viel Reibung. Die ganze Konstruktion war anscheinend auch nicht sehr zugänglich für Reinigung und neues Ölen oder Fetten zur Verringerung der Reibung.

    Einen echten praktischen Nutzen hatte der Apparat auf Dauer vermutlich nicht. Ein Gelehrter mit entsprechenden Kenntnissen konnte wahrscheinlich die benötigten Rechnungen für ein bestimmtes Datum fast so schnell ausführen wie das Vor- und Zurückkurbeln an dem Apparat gedauert hätte.


    Sehr interessant finde ich den Rekonstruktionsversuch auf dem Youtube-Kanal "Clickspring". Da wird sehr ausführlich ein Nachbau beschrieben, bei dem aber die Planetengetriebe noch fehlen, weil ihr Aufbau bisher zu unklar war. Auch wenn viele Teile vor allem aus Zeitgründen mit moderner Drehbank und Fräse hergestellt wurden, wird sehr ausführlich auf handwerkliche Fertigung mit zur damaligen Zeit wahrscheinlich verfügbaren Werkzeugen eingegangen.


    Dass heute kaum technische Artefakte aus der damaligen Zeit existieren, liegt nach meiner Einschätzung auch daran, dass Gegenstände aus Metall nach Ende ihere Gebrauchsdauer niemals weggeworfen wurden, sondern ihr Material wurde zu 100% recycelt, d.h. eingeschmolzen und neue Werkzeuge oder Gebrauchsgegenstände daraus hergestellt. Das unterscheidet sie z.B. von gebrochenen Tongefäßen, die heute noch im Boden auffindbar sind, oder Holzwerkzeugen, die fast alle vollständig verrottet sind oder schon am Ende ihrer Gebrauchsdauer in kalten Nächten thermisch verwertet wurden. Hätte ein nennenswerter Teil der Holzwerkzeuge bis heute überdauert, hieße die Steinzeit heute sonst sicher Holzzeit.

    Man müsste mal drüber nachdenken, was wohl in 2000 Jahren noch von heutiger Technologie übrig sein wird, und von den Inhalten heutiger Datenträger.


    Gruß,

    Martin

  • Hallo.


    Leider sind Bemühungen in der Ärchäometrie, unter günstigen Umständen Hinweise auf Alter und Herkunft von Metallen zu erhalten (mit z.B. Nuklid-Analysen), leider noch nicht so weit entwickelt, wie man sich das für eine zuverlässige und genügend genaue Datierung wünschen würde. Hier und da lassen sich durch Unterschiede in der Zusammensetzung z.b. Handelswege für Rohstoffe nachvollziehen oder zeitlich gröbere Rückschlüsse ziehen, jedoch bleibt das oft nur vage. Insofern darf man von einer materiellen Bestandsaufnahme des "Schrotthaufens" auch (heute noch) nicht zu viel erwarten. Aber eine spektroskopische Materialanalyse des Mechanismus mittels Röntgencomputertomographie hat 2018 doch ein paar interessante Details zum Vorschein gebracht, die mich ins Grübeln gebracht haben.


    Zwar war auch schon bis dahin bekannt, dass es Unvollkommenheiten gab und an einer gebrochenen Speiche des Hauptrades und einem abgebrochenen Zahn offenbar Reparaturversuche gegeben hatte. Auch kann die Geometrie der gleichschenkligen Zähne nur als vergleichsweise rudimentär gelten, wodurch nur ein rauher Lauf möglich ist (wenn mit den vielen Rädern überhaupt), Auf Leonardos Zeichnungen sieht man dagegen, dass zu dessen Zeit die Zähne schon formschlüssiger gestaltet waren. Aber wie man unter dem etwas düsteren Titel "The dark shades of the Antikythera Mechanism" nachfolgend lesen kann, war das offenbar nicht alles:


    Röntgen-CT-Analyse des Antikythera-Mechanismus 2018


    Die früheren Analysen hatten ergeben, dass Zinnbronze zum Einsatz kam, mit kleinen Beimengungen, wobei die Zahnräder aus einem 1-2mm starken gegossenen Bronzeblech stammten. Bronze gilt eigentlich als korrosions- und relativ verschleißfest, sowie meerwasserbeständig. Die neuere Analyse zeigte jedoch nicht nur, dass die Verwitterung im Seewasser schon sehr weit fortgeschritten war, (was auch Zweifel aufkommen lässt, ob dieser starke "Verwitterungsgrad" schon nach 4- oder 500 Jahren erreicht wird) , sondern auch, dass bestimmte im Röntgenlicht dunklere Partien im Inneren aus einem anderem Metall bzw. einer Legierung bestanden, wobei es sich um Lötverbindungen und etwas Eisen gehandelt haben muß. (In antiker Zeit wurden die beliebten aber kostbaren und seltenen Bronzestatuen aus kleineren Teilen feingegossen, und diese anschließend dann zusammengelötet und/oder die Verbindungsstellen in einer Art "Gießschweißen" teils nachgegossen.) Lage und Form dieser dunklen Elemente zeigte nun, dass der Apparat mehrfach repariert und umgebaut worden sein muß, und man versucht hat, die unzureichenden Lager und Wellen, durch die sich die Zahnräder der Getriebe verschoben, verkanteten oder eierten, später mit verschiedenen Maßnahmen zu stabilisieren.


    Dazu wurden vermutlich nachträglich zunächst eine Reihe von (eisenhaltigen) Stiften und Splinten angebracht, (die man bei früherer Kenntnis der späteren Lagerprobleme durch entsprechende Konstruktion von Anfang an in diesem Umfang aber gar nicht benötigt hätte). Um sie an der Mittelplatte im Inneren anzubringen, mußte der Apparat jedoch wieder komplett zerlegt werden. Da aber auch diese(r) Versuch(e) offenbar nicht genügend Stabilität brachte(n), wurden später sichel- bzw. m-förmige Abstandshalter aus einer Legierung eingefügt, und diese vielleicht noch einmal später schließlich festgelötet, um die Taumelbewegungen der Getriebe besser einzudämmen. Außdem scheinen später auch Lagerbleche in "Omegaform" eingelötet worden zu sein, um Lagerabstände zu verbessern. Für die Umbau-Maßnahmen wurden auch verschiedene Lote eingesetzt.


    Die Autoren glauben zwar, dass diese Maßnahmen irgendwann zu einem stabilen Ergebnis geführt haben dürften, und nehmen an, dass es viele Vor- und Zwischen-Versuchsgeräte im Experimentalstadium gegeben haben dürfte, bis der Apparat funktionstüchtig war und weitere Exemplare gefertigt werden konnten - aber was sie zu diesen Annahmen bringt, sagen sie nicht. Ich glaube an solchen Stellen wird der Wunsch zum Vater der Gedanken. Ich halte es für wesentlich wahrscheinlicher, dass angesichts des Aufwands dieser ambitionierte Versuch der einzige (oder einer von wenigen) geblieben ist und er irgendwann abgebrochen (bzw für beendet angesehen) wurde. Dann wäre es kein Prototyp für eine spätere Serie, sondern eher eine Art technischer Torso: das zufällig erhaltene Dokument eines avantgardistischen antiken Versuchs, Himmelsbewegungen nicht tabellarisch, sondern mechanisch abzubilden. Ein Versuch, der aber letztlich an den unzreichenden technischen Mitteln seiner Zeit scheiterte. Ein Projekt, das vielleicht lange dauerte und an dem vielleicht auch mehrere beteiligt waren, dessen Ergebnis aber später vermutlich die meiste Zeit wenig beachtet irgendwo in der Ecke stand. Aber auch das ist natürlich nur eine Spekulation.


    Wenn man sich bewusst macht, wieviele Weiterentwicklungsversuche auf allen Gebieten anfangs scheitern, bevor am Ende ein gangbarer Weg entdeckt ist - was ja bis in unsere Zeit nicht anders ist ("wir irren uns empor") - und wenn man berücksichtig, wie verhältnismäßig "klein" die Welt damals noch war, dann scheint es mir unwahrscheinlich, dass angesichts des hohen Entwicklungsaufwandes und angesichts des geringen Ansehens, dass die Technik in der Antike hatte, dieser feinmechanische Versuch als Beweis einer damals verbreiteten Hochtechnologie gewertet werden kann. Ich würde den Mechanismus genau umgkehrt sehen: als Dokument, wie man beim übermotivierten Versuch, auszureizen was gerade noch technisch gehen könnte, grandios scheitern kann, weil man die Möglichkeiten überschätzt oder zuviel auf einmal will. Scheitern und Zuviel-Wollen beim Vorangehen ist eigentlich der Normalfall. (Nur wird das gerne verdrängt und unterschlagen). Das hätte überhaupt nichts Ehrenrühriges, finde ich, sondern im Gegenteil, es verdiente immer noch allerhöchsten Respekt.


    Wenn man versucht, sich in einer archäologischen Sache ein Bild zu machen, muß man versuchen, so viele Aspekte wie möglich zu berücksichtigen, also auch kultur - und erkenntnisgeschichtliche, sowie soziologische und psychologische Aspekte. Überliefert ist, dass unter den antiken hellenistischen Zeitgenossen extreme soziale Unterschiede bestanden und in der völlig domnierenden kleinen Oberschicht eine Lebensform vorherrschte, die praktischen Tätigkeiten und den Menschen, die damit beschäftigt waren, so gut wie keinen Respekt entgegenbrachte. Derlei profane Dinge und Beschäftigungen wurden verachtet. Dazu hatte man Sklaven und Handwerker, bei denen man das nötige bestellte, und die ohne die komfortablen bürgerlichen Rechte auszukommen hatten, wie sie nur einer kleinen Oberschicht vorbehalten waren. Die Rohstoffgewinnung bei der Arbeit unter Tage muß unter grauenhaften Bedinungen stattgefunden haben. Auch Handwerker waren nicht besonders angesehen und wurden gelegentlich eingepfercht hinter Mauern oder auf Inseln isoliert, mit ihren "schmutzigen" Verrichtungen hatte die edle Gesellschaft nichts zu schaffen.


    Das Lebensgefühl und Selbstverständnis der Menschen in dieser Zeit muß auch ganz anders gewesen sein und ohne das Bewusstsein eines "Ichs" ausgekommen sein, d.h. die moderne Individualität, die wir heute empfinden und als selbstverständlich voraussetzen, hat damals offenbar niemand gespürt. Die Bediensteten und Sklaven hätten nicht daran gedacht, sich als weitgehend rechtlose Diener unterdrückt und ausgebeutet zu fühlen, sie hatten an ihr Auskommen zu denken, von Tag zu Tag, und lebten in einer anderen Welt ohne Zukunftspläne. Die dem alltäglichen Gewerbe entrückte Oberschicht, die ihre Sklaven, Handwerker und Bediensteten wie eine Ware nutzte und behandelte, war es jedoch, die mit Aufzeichnungen ihrer eher "platonischen" Interessen ein einseitiges Bild nur ihrer Lebensverhältnisse prägte und überlieferte, das man aber nicht auf die meisten Mitmenschen übertragen darf.


    Schriftliche Abhandlungen waren den sozial Hochgestellten vorbehalten, die sich für das handwerkliche und künstlerische Wie nicht interessierten, allenfalls für die Produkte. Sie hätten für eine Technische Dokumentation auch nicht die nötigen Kenntnisse mitgebracht und für diese Vorgänge gar keine Sprache gehabt. Die Handwerker wiederum hatten kein Interesse ihre Fähigkeiten preiszugeben und ihre soziale Lage unnötig zu verschlechtern, und so könnten manche durchgreifenden Erfindungen auch gar nicht registriert geschweige denn aufgezeichnet worden sein. Oder erst zu einem späteren Zeitpunkt und wenn, dann von Leuten, die nichts davon verstanden. Erst recht, wenn sie Dingen galten, die für das tägliche Leben überflüssig waren, keine große Nutzanwendung versprachen, oder doch nicht funktionierten wie erhofft.


    Ich war bei den Hinweisen von Marcus, Joachim, Kalle und Matss zur Frage, ob dieser Apparat in der Antike schon hätte gebaut werden können, anfangs sehr skeptisch. Ich denke immer noch, dass der Abstand zu den ansonsten überlieferten Funden beträchtlich ist und irgendwie seltsam. Aber die Kluft scheint mir inzwischen nicht mehr ganz unüberbrückbar. Denn die so gänzlich anderen Lebensverhältnisse in der damaligen Zeit könnten dafür gesorgt haben, dass dieser vermutlich nicht ganz funktionstüchtige Apparat zwar aus der Antike stammt, aber durch seine Entstehung dennoch nicht wirklich repräsentativ ist für die Verhältnisse seiner Zeit, in der ansonsten ein geringeres technisches Niveau realisiert und so verbreitet war, wie es sich späteren Generationen darstellte. Vielleicht war Antikythera also in anderer Hinsicht einzigartig, als gedacht: es könnte auch ein Testlauf gewesen sein, bei dem ein oder mehrere (vielleicht verzweifelte;-) Handwerker womöglich versuchen mußten, um jeden Preis die Gelüste eines hohen Herrn zu erfüllen... (und hoffentlich nicht hinterher dafür ausgepeitscht worden sind)...


    Gruß,

    Mathias


    Video Vortrag von Jo Marchant über Antikythera von 2020


    Umfangreiche schriftliche Doku bis etwa 2012


    Leichenfunde im Wrack 2016 (von denen man nichts wieder gehört hat)

  • Hallo zusammen,


    Ich finde auch die Videos von Michael Wright sehr interessant, der den Mechanismus mehrfach, d.h. in verschiedenen Versionen nachgebaut hat. (Sein letztes Modell verwendet für die Planeten noch Zeiger statt Ringe.) Es ist sehr schön anzusehen, wie die inneren Planeten mal vor der Sonne laufen, mal dahinter zurück fallen, und dann wieder vor laufen.


    Es gibt auch einen Aufsatz von Wright über Erwähnungen solcher Mechanismen in der antiken Literatur. Siehe hier:


    http://hist.science.online.fr/…IUM%20OF%20ARCHIMEDES.pdf


    Man sieht, daß in der Antike auf solche Geräte über Jahrhunderte hinweg immer wieder Bezug genommen wurde, das letzte Mal im 5. Jh., also mehr als 500 Jahre nach dem Untergang des Schiffes bei Antikythera. Cicero (1. Jh. v. Chr.) ist die ergiebigste Quelle. Er schreibt, daß bei der Plünderung von Syrakus durch die Römer (212 v. Chr.) zwei astronomische Geräte nach Rom gebracht wurden: erstens eine Himmelskugel mit Sternbildern darauf, und zweitens ein Planetarium. Die Himmelskugel, deren Erfindung er Thales zuschreibt, wurde in einem Tempel platziert und war somit öffentlich zugänglich. Die Erfindung des Planetariums schreibt Cicero dem Archimedes zu, der in Syrakus gewirkt hat und bei der Eroberung der Stadt bekanntlich von einem römischen Soldaten getötet wurde („Stör mir meine Kreise nicht!“). Cicero beschreibt auch eine Vorführung der Funktionsweise des Planetariums. Der Mechanismus muß also funktioniert haben.


    Weiterhin erwähnt Cicero noch ein zweites Planetarium, das sein Freund Poseidonios auf Rhodos nach den Prinzipien des Archimedes konstruiert hat. Während Ciceros Bericht über das erste, aus Syrakus geraubte Planetarium nur aus zweiter Hand stammt, hat er das Planetarium des Poseidonios selbst gesehen. Die Beschreibung der Funktionsweise ist in beiden Fällen gleich. Sie impliziert, daß die Planetenbewegungen durch ein Zahnradgetriebe realisiert wurden.


    Cicero bezeichnet aber beide Planetarien als „sphaera“, also als kugelförmig, wobei nicht ganz klar ist, ob das scheibenförmige Design des Antikythera Mechanismus nicht auch unter „sphaera“ fallen könnte. Wahrscheinlich aber nicht. Dann müßte man den Antikythera Mechanismus als vereinfachte Version des kugelförmigen Planetariums betrachten, denn die Darstellung in zwei Dimensionen ist mechanisch leichter zu realisieren als die räumliche Darstellung. Insgesamt hätte man dann Zeugnisse über drei antike Planetarien: erstens das des Archimedes aus Syrakus (ca. 200 v. Chr.), zweitens das des Poseidonios aus Rhodos (ca. 100 v. Chr.) und drittens das von Antikythera (ca. 100 v. Chr.). Man sieht also, daß der Antikythera Mechanismus in der Antike nicht einzigartig ist.


    Die nachfolgenden Erwähnungen der archimedischen Planetarien, wie Wright sie aufführt, sind alle durch die pagane Theologie geprägt. Bereits Cicero führt in seiner Abhandlung über die Götter folgendes Argument: Wenn schon für die Konstruktion eines Planetariums, das ja bloß ein Modell der astronomischen Wirklichkeit darstellt, ein Genie wie Archimedes nötig war, ein um wieviel größeres Genie war dann nötig, um diese Wirklichkeit selbst zu konstruieren. Dieses Argument für den göttlichen Weltbaumeister wird in den folgenden Jahrhunderten oft wiederholt, und in diesem Zusammenhang wird stets das Planetarium des Archimedes erwähnt.


    Insgesamt entsteht folgendes Bild: Die ganze Antike hindurch bis 700 Jahre nach seinem Tod weiß man noch, daß Archimedes ein Planetarium konstruiert hat. Aber Cicero ist der letzte Autor, von dem man annehmen kann, daß er ein solches Gerät wirklich gesehen hat. Es scheint also, daß man in der Zeit nach Antikythera das Interesse am Bau dieser Apparate verloren hat, so daß es einfach keine mehr gab. Nur das Wissen darum, daß es einmal welche gegeben hat, wurde tradiert. Aber das ist natürlich nur eine Vermutung. Sollte man demnächst in einem Schiffswrack aus dem 3. Jh. ein Planetarium finden, ergäbe sich ein anderes Bild der historischen Zusammenhänge.


    Viele Grüße

    Johannes

  • Matthias,

    unterm Strich ist es vor allem eine Frage, wer in der Antike so verrückt war, für so einen Mechanismus so viel Zeit und Aufwand zu investieren? Geld verdienen konnte man damit wohl kaum und wissenschaftlich oder technisch wurde mit dem Gerät kein Neuland betreten.

    Insofern ist das Gerät m.E. Ausdruck einer recht guten, fast luxuriösen Zeit am Herstellungsort, denn in schlechten Zeiten, hätte niemand die Zeit und das Geld gehabt, sich damit zu beschäftigen.

    Über die Motive kann man nur spekulieren. Es gibt ja auch heute Sachen, die die Welt nicht braucht und die zumindest kurzfristig in Mode waren. Der Mechanismus erinnert mich an diverse andere geschichtliche Spielereien, wie z.B. den Schachtürken (1769) oder den einen oder anderen Youtuber, wie Wintergatan und seine musikalische Murmelmaschine (Eine Mischung aus Spieluhr und Murmelbahn).


    Andere Erfindungen haben dagegen die Welt verändert und waren innovativ, wie z.B. Gutenberg und seiner Buchdrucktechnik um 1450.


    Dazu gehören auch Conrad Zuse und andere Zeitgenossen und ihre ersten Computer. Wobei ich mich da bis heute wundere, dass in den Jahrzehnten davor niemand die klassische Luftsteuerung (wie die Registersteuerung in Orgeln**) zur Programmierung via Lochkarten (erfunden für Webmaschinen, weiterentwickelt bei Dreh-/Kirmesorgeln ab ~1892) einfach kombiniert hat. Mit den ersten elektromechanischen Geräten von Hollerith, entwickelt zur Volkszählung 1890 war man viele Jahre einfach nur fixiert, das elektromechanisch zu lösen, so dass keiner es pneumatisch versuchte.
    ---

    ** Jede Dreh- und Kirmesorgel war seinerzeit dem Hollerith-System hinsichtlich Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit und Lebensdauer der Notenabtastung überlegen. Die Löcher selbst in den Papiernoten sorgten praktisch berührungsfrei für den Druckabfall der Steuerluft in der Registersteuerung, die den Arbeitswind (die Luft, mit der Flöten ihre Töne erzeugen) ansteuerte. Quasi ein pneumatischer Transistor. Das Ein-/Abschalten ganzer Flötenregister wurde ebenfalls über die Noten pneumatisch gesteuert. Hollerith hätte vielleicht einfach mal bei einem Besuch des Luna Park in Coney-Island genauer hinschauen sollen. Er wohnte ja lange genug in New York. Aber vielleicht galt das in dieser Zeit einfach auch nur als altmodisch hausbacken. So wie heute alle Taschenlampen einen Blinkmodus und zwei Helligkeitsstufen haben oder hundert Schalter im Auto, obwohl das niemand wirklich braucht ... aber es verkauft sich halt besser. Vielleicht gab es in der Antike ja auch so eine Modewelle (ein Jahrzehnt reicht ja), die zum Bau des Antikythera-Mechanismus führte.

  • Hallo,


    schaut einfach mal auf dieser Seite:


    Kotsanas Museum Griechenland


    Es gab schon unglaubliche Dinge in der Antike. Z.B. diverse Automaten. Vieles davon gab es erst sehr viel später wieder. Ich war schon in zwei der Museen in Griechenland. Wirklich sehr interessant und zu empfehlen! Momentan geht es leider nur virtuell.


    Joachim

  • Hallo zusammen,


    Vielleicht bringt der folgende Link etwas Licht ins Dunkel, wie ein solcher Mechanismus in der Antike hergestellt werden konnte:


    https://m.youtube.com/channel/UCworsKCR-Sx6R6-BnIjS2MA


    (Achtung: viel Zeit einplanen, die Filme machen süchtig. Alleine die darin gezeigte Handwerkskunst treibt jemandem mit zwei linken Händen und zehn Daumen wie mir Wasser in die Augen. Das Aussie-Englisch des Autors ist gut verständlich.)


    Fazit meinerseits: die Menschen dieser Zeit waren technisch, handwerklich und materialtechnisch in der Lage, Geräte herzustellen, die in dieser Kompexität erst wieder im 16. Jhdt (ode sogar weit später) möglich waren. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass dieser Mechanismus nicht korrekt funktionieren konnte. Und beim Einwand „wofür das ganze“, sollten wir Gimmik übersättigte Zuvilisationsgeschädigte vielleicht auch besser bescheiden schweigen. Wenn ich nur schon an all die Smombies denke, die tagein tagaus ihren digitalen Schminkspiegel vor der Nase spazieren führen...

    Wir sollten uns nicht allzu viel einbilden, was wir heute besser können.


    Der Autor stellt übrigens (nebst Einsatz von moderner Dreh- und Frästechnik) im Sinne von experimenteller Archäologie Werkzeuge „antik“ her und verwendet diese auch. Er stellt sich immer wieder die Frage, wie ein bestimmtes Teil zu dieser Zeit hergestellt werden konnte und weshalb es so aufgebaut war und nicht anders. Über einige Details kann nur spekuliert werden, aber das sind wirklich Details.


    In diesem Sinne teile ich auch die Begeisterung von Stathis. Diese Maschine gibt uns Einblicke in die Antike und in deren zivilisatorischen Entwicklungsstand wie kaum etwas anderes aus dieser Zeit. Und auch deshalb ist es bewundernswert, dass daran weiter geforscht wird.


    Herzliche Grüsse Robert

    Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig. (Albert Einstein)

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