Windige Nacht

  • Mein Beobachtungsbericht vom 20/21.08.2020; 22.10h – 00.30h
    <b>Ausrüstung:</b>
    Newton-Teleskop, Öffnung 428mm, Brennweite 1830mm, (f/4,25) Adler auf Dobsonmontierung


    <b>verwendete Okulare:</b> 21mm (87-fach) ; 13mm (140-fach), 10mm (183-fach), 8mm (228-fach), 6mm (303-fach) – Ethos-Serie
    <b>Ort:</b> Freies Feld bei Beerbach, ca. 405m üNN
    <b>Temperatur: </b>22.00h +22 C ; 00.40 +23 C
    <b>Seeing: </b>anfangs 2-3, später 4-


    <b>Wetter: </b>morgens erst bewölkt bedeckt und etwas Regen, dann mehr und mehr aufklarend.


    <b>Beobachtete Objekte:</b>
    Kometen:
    Planetarische Nebel: NGC6751, NGC6781, NGC7009
    Gasnebel: -
    Quasar: -
    Planeten: Saturn
    Kugelsternhaufen: NGC6760, M15
    Offene Sternhaufen: -
    Carbonstern: DS Peg, V Aqr
    Galaxien:
    AQR: NGC6962/64/67/61
    Supernovae: -


    Urlaub. Ich hoffe schon seit einigen Tagen auf Spechtelwetter, nun hat es geklappt. Tags war ich mit meiner Frau im Steigerwald bei Ebrach wandern (20km Runde), leider ohne Einkehr, da alle Wirtschaften auf dem Weg leider geschlossen waren. So blieb es bei Kaffee und Kuchen später in unserem angenehm kühlen Häuschen.


    Die Aussicht für diese Nacht nach Meteoblue am Vortag noch gut, kurzfristig dann aber war hohe Bewölkung mit 30% Bedeckung prognostiziert. Egal – ich versuche es. Teleskop rausstellen um 21h – es ist klar; Auto beladen um 21.30h … immer noch klar. 15 Minuten später geht es los. Bei der Fahrt Richtung West sieht man noch Restdämmerung – und einige dünnere aber deutliche Wolkenbänke von SW bis NW, maximal bis auf 40 Grad hoch. Es ist noch recht warm, das Autothermometer zeigt 22 Grad. Beim Aussteigen … ganz schön windig! Uff – damit habe ich nicht gerechnet. Dieser kommt aus OSO und ist mit im Mittel um 12 km/h sehr deutlich. Der Beobachtungsplatz ist relativ geschützt, jedoch nicht in diese Richtung. Aufbauen, justieren, umschauen.


    Sehr deutlich das Milchstraßenband, von NO bis tief in den Süden, der Teapot (Sagittarius) senkt den Ausschenker schon nach unten. Von Scorpio im SW ist die Schere gerade so noch zu erkennen. Lyra mit der dominant hellen Vega steht im Zenit, Aquila halbhoch im Süden. Vom rauschen des Windes im Nahen Maisfeld und in den Bäumen des Waldes abgesehen absolute Stille.


    Heute habe ich erstmals den fast noch druckfrischen Beobachtungsatlas für kurzentschlossene dabei (BAfk) – den will ich ausprobieren. (trotzdem hatte ich auch vor einigen Tagen auch etwas herausgesucht).


    <b>DS Pegasi</b> – Carbonstern
    Steht nicht im BAfk – mit diesem Objekt beginne ich. In etwa auf Höhe von Zeta Cyg zur Beobachtungszeit. Ein Veränderlicher von mag 5,6 bis 7,0 mit einer Periode von 180 Tagen. Sehr hell, dafür außergewöhnlich farbkräftig, ein tiefes Orange trotz meiner 17 Zoll Teleskopöffnung. Der Farbindex ist +2,65, Spektralklasse C6,3. Das Seeing ist brauchbar bis gut (zu dieser Zeit), der Stern überwiegend punktförmig im 13er Oku.


    Greife zum A4 großen ‚Spiralblock‘; Aquila von Seite 3 bis 7. Objekte Alphabetisch geordnet. Ich wähle mir einen netten PN aus, dieser ist einfach aufzufinden. Bildet man gedanklich ein rechtwinkliges Dreieck mit Lambada und I Aquilae, so stehen Lambda und I an den spitzen winkeln, und den PN am rechten Winkel.


    <b>NGC6751</b> – PN – AQL (mag 11,9 – sbr 9,8; 0,4’ * 0,4’) SQM21,08
    Ich merke Führer ist wie für mich gemacht. Genau jene Angaben sind in der 1. Zeile vereint, welche ich für eine gute Beurteilung zur Beobachtung benötige. Neben der Absoluten- auch die Flächenhelligkeit (die fehlt z.B. bei Sky-Safari in der riesigen Objektdatenbank), dazu auch Ausdehnung, Entfernung. Sehr durchdacht. Es zeigt sich mir im Aufsuchokular ein kleiner runder, deutlich begrenzter Schemen. Nehme dann gleich das 6er- Oku: 303-fach, mache eine Skizze. Auf 8h vom PN, nur ca. 1’entfernt ein ca. mag 13,5 Feldstern, auf 3h ein ~ mag14 nur einen PN-Durchmesser entfernt. Dieser rund, mit blassen, aber stabil sichtbaren Zentralstern. Die kleine Scheibe flächig hell, zum Rand hin etwas kräftiger. Ein fast geschlossener Ring, nach 5h mit einem etwas schwächeren Randbereich. Sehr interessant!
    Die Helligkeitsangaben des BAfk decken sich mit Werten die ich bei Wikipedia gefunden habe, doch unterscheiden sich Katalogdaten zu dem Objekt deutlich. Der Strasbourg-ESO-Katalog schreibt von 20“*20“ und mag 12,5; der SAC von mag 12,0; bei Skysafari (weis nicht welcher Katalog da gezogen wird sind es mag11,5 bei 4,6k LJ Distanz statt 6,5k bei Wiki. Wie auch immer: für etwas muss man sich entscheiden.


    Peile jetzt etwas höher. Von Delta Aql ist es ein etwas längerer Starhop, ob markanter Sternengruppen ist dieser trotzdem schnell bewältigt hin zu


    <b>NGC6760 </b>- GC - AQL (mag 8,9 – sbr 10,5; 2,4‘ * 2,4‘) SQM21,10
    Ein sehr deutlich zu erkennender Wattebausch auf dem 1. Blick im Aufsuchokular. In Schritten steigere ich die Vergrößerung, 10er – 180fach; 8er – 228fach; 6er 303-fach. Dieser Kugelsternhaufen erscheint wenig konzentriert, über einen Großteil der Fläche ähnlich Hell. Im 8er granulär, im 6er sind die ersten kleinen Lichtfünkchen gerade so aufgelöst. Der GC steht in einem lockeren Feld mit mag 13 … 14 Feldsternen.


    Die Angaben zu


    <b>NGC6781 </b>- PN - AQL (mag 11,4 – sbr 12,5; 1,9‘ * 1,9‘) SQM21,14
    Machen mich neugierig. Wow – ganz schön groß dieser PN! Recht hell – auch ohne Filtereinsatz. Nahezu rund, hin zu einem mag 12,5 Feldstern mit ca. 3‘ Distanz gen 5h mit einer Art ‚ Ausbeulung‘; in diesem Bereich die Flächenhelligkeit etwas geringer, auch ist hier – im Unterschied zu einem Segment von ca. 7h bis 4h der Rand nicht akzentuiert heller. Nehme mir viel Zeit zu Beobachten (im 6er bei 303-fach) und skizziere. Immer wieder kann ich kurz einen kleinen Lichtblop im PN erkennen, nicht ganz zentrisch, etwas hin zum 12,5er Feldstern versetzt. Nahe des PN-Randes, etwas außerhalb gen 5h ein mag 14 Feldstern. Sehr interessant.


    Mitten im Skizzieren wird es hell, vom genau nach Süden weisenden Feldweg kommt ein Fahrzeug hoch gefahren. Wie das denn? Langsam kommt das Auto näher. Es ist der Jäger, der kann gerade so am Teleskop vorbei fahren, ohne dass ich umsetzen muss, doch ohne Tubus schwenken geht es nicht.
    Die übliche Frage: Was machen Sie da? – beobachten – was denn? – astronomische Beobachtungen – aha; haben Sie sonst was gesehen? – hm? .. wie ist das gemeint? – in der Nähe ist eine größere Rotte Wildschweine – die habe ich nicht bemerkt – o.k. danke … der Jäger fährt weiter.


    Nochmals den PN einstellen, die Adaption ist erst mal beim Teufel, es dauert etwas bis ich die Skizze fertigstellen kann.


    Mir ist nach Galaxien, und neuem. Die Objekte sind nicht im Bafk, wie sich zeigt gleich eine Gruppe; zunächst mit


    <b>NGC6962</b> - GX - PEG - (mag 12,1 - sbr 14,0; 2,9 * 2,3') SQM 21,15
    <b>NGC6964 </b>- GX - PEG - (mag 13,0 - sbr 13,8; 1,7 * 1,3') SQM 21,15
    Ich hatte vergessen das Oku zu wechseln, war nach Starhop mit dem 8*50 Sucher so exakt im Ziel, dass ich die beiden GX direkt sehen konnte. Erstere mit leicht ovaler Zentralkondensation, (von 7h nach 2h), der Außenhalo recht blass, auch oval aber mit Orientierung von 0h nach 6h. NGC6964 mit ca. 2‘ Lücke zu ersterer, auf 2h gelegen. Ein länglicher Schemen mit 2:1 Achsverhältnis und graduellem Helligkeitsübergang, knapp außerhalb ein mag13 Feldstern. Nehme die Vergrößerung zurück, um beim Skizzieren auch einige Feldsterne erfassen zu können. Dabei fallen mir zwei weitere kleine Objekte auf:


    <b>NGC6967</b> - GX - PEG - (mag 13,1 - sbr 12,6; 0,9 * 0,6') SQM 21,15
    <b>NGC6961 </b>- GX - PEG - (mag 13,7 - sbr 12,3; 0,6 * 0,5') SQM 21,15
    Beide Objekte leicht zu übersehen, sind diese doch recht klein und einfach mit blassen Feldsternen zu verwechseln, es bedarf schon Aufmerksamkeit um den leicht flächigen Charakter zu bemerken. Bei NGC6976 steht unmittelbar daneben ein mag 12 Feldstern, die GX verrät sich da oval und leicht flächig.NGC6961 steht zwischen schwachen mag 14.. 15 Feldsternen, rundlich ob der ‚Größe‘ zu lichtschwach für einen Feldstern. Da das Seeing nachlässt, nicht einfach.


    Peile deutlich tiefer, nur knapp 30 Grad über den Horizont zu


    <b>NGC7009 </b>- PN - AQR - (mag 8,3 - sbr 6,5; 0,6 * 0,6') SQM 21,15
    Markant türkis-bläulich. Es zeigt sich ein länglich ovales Objekt, hohe Flächenhelligkeit. Die Kontur so, als würde man Saturn deutlich defokussieren. Ich suche mir einen benachbarten Feldstern zum scharf stellen, zurück zum Objekt. Hmm, die Außenkontur etwas deutlicher, aber keine Strukturen im Nebel selbst im 6er Oku. Versuche es mit der Brechstange: 9er plus 2,5-fach Powermate = 3,6mm Brennweite oder 505-fach. Matsche … leere Vergrößerung. Das Seeing hier unten einfach zu schlecht. Bringt nichts.


    Der Blick schweift, ich trinke den Rest meines Apfelschorles und genieße die Stimmung, spüre merkliche Müdigkeit. Gut 170km Rennradeln am Vortag und die Wanderung teils in der Hitze heute gehen nicht ganz spurlos an mir vorbei. Pegasus steht hoch, schaue nach M15 – ja – eindeutig nur mit Brille erkennbar. Die Dunkelheit hat im Laufe der Nacht nur leicht zugenommen, SQM um 21,15 ist Durchschnitt für den Platz.


    <b>M15 </b>– GC - PEG - (mag 6,0 - sbr 12,6; 18‘ * 18‘) SQM 21,15
    Hell! Deutlich fallen eine ganze Reihe leicht orange Außenbereichsterne auf, um mag 12,5. Es prasselt vor Sternen, leider nicht so punktförmig scharf wie zu anderen Zeiten gesehen. Es fehlt der ‚kick‘ – die Begeisterung will sich nicht einstellen. Das Alter des GC wird um 12 bis Mrd Jahren angegeben, ist damit fast so alt wie unsere Milchstraße und immer noch existent. Ungewöhnlich die hohe räumliche Dichte an Sonnen.


    Ich baue ab. Der Rigel Sucher ist schon abmontiert, da will ich doch noch mal auf den ‚echten‘ Saturn peilen, 18 Grad über dem Horizont


    <b>Saturn </b>– mag 0,1
    Seeing wie befürchtet. Immerhin reicht es blickweise für eine deutlich abgeplattete Planetenkugel, Hauptbänder und das Ringsystem. Oft verwaschen, kurz aufblitzend aber deutlich.


    Das war es für die Nacht. Ich habe nur wenige Objekte betrachtet… wo ist nur die Zeit geblieben?


    Der Wind war während der gesamten Zeit permanent am wehen, nicht böig aber stetig. Bei der Rückfahrt um 0.30hsid es am Beobachtungsplatz 23 Grad – sogar leicht wärmer als 2 1/2h Stunden zuvor. Kurz vor Emskirchen im Aurachgrund minimal 17 Grad in windgeschützter Senke … mit kleiner Nebelbank.


    Clear Skies und gute Gesundheit Euch und euren Lieben wünscht


    Achim
    <b></b>

  • Hallo Achim,


    ein Bericht mit hoher Qualität wie immer bei Dir. Die leisen Töne und Stimmungen im Deinem Bericht gefallen mir besonders.
    Und ich bin hocherfreut, dass ein so alter Hase wie Du den BAfK noch gewinnbringend in einer Nacht einsetzen kann.
    Bei vielen Objekten, wo die Größenangaben je nach Quelle stark differierten, haben wir selbst nachgemessen in Aladin.


    DS Pegasi habe ich mir mal notiert, bin nämlich auch wieder unter die Carbonsternjäger gegangen :D


    NGC 6781 ist auch einer meiner Lieblings-PN im Sternbild Adler. Hier hast Du gleich mal eine Behauptung im BAfK widerlegt, dass der Zentralstern erst jenseits von 20" sichtbar wird.


    Lieber Achim, bitte weiter so, auch wenn es hier weniger Antworten geben sollte, als Du damit verdienst. ich lese Deine Berichte immer unheimlich gerne. Viele andere sicherlich auch.


    Viele Grüße


    Rene


    PS: Einen eklatanten Nachteil des BAfK hast Du natürlich schonungslos aufgedeckt. Benutzt man ihn in einer Nacht, schafft man gefühlt deutlich weniger Objekte [;)]

  • Hallo Achim,


    wie immer ein sehr detaillierter und präziser Bericht !


    Im August 2015 habe ich mit dem 16-Zöller auch ein paar der planetarischen Nebel dieser Region im Adler mitgenommen, bei hervorragendem Himmel in den Nockbergen in Kärnten: "... und bei NGC 6804 vor allem die innere Schale mit angedeuteten Aufhellungen. Und gleich nebenan zu NGC 6804 noch der sehr kleine, helle NGC 6803 und - geisterhaft aber klar mit OIII-Filter auszumachen - Abell 62. Und NGC 6781 zeigte bei 140x sehr schön das nach Norden geöffnete Hufeisen."


    Servus
    Ben

  • Bester Achim,


    auch ich war in selbiger Nacht draußen, mit Deinem wunderbaren "Phönix von Goldammer", viel weniger beobachtete Objekte, aber dafür eine Sternenhimmelsführung mit sehr gutem Himmel, ruhig und dunkel, in den Alpen auf 1400 m,


    guckst Du


    hier klicken


    vlobg Stephan

  • Hallo Achim,


    wie Rene schon sagt, umfassen Deine Berichte das Gesamterlebnis einer Beobachtungsnacht.
    Zu NGC 7009 habe ich meinen Aufzeichnungen die letzte Sichtung aus 2019 notiert und ergänze das hier (10" f/5 Dobson, OIII):


    <i></i>Bei 192x ist er hell und oval. Er zeigt deutlich eine blaue Färbung. Bei indirektem Sehen sind kleine gegenüberliegende Spitzen erkennbar. <i></i>

    10" f/5 Dobson mit ArgoNavis

    90/600 Apo

    PST Coronado

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